Eine Woche beredtes Schweigen

Ein Urlaub wie nie zuvor. Seit einigen Jahren schon schielte ich in diese Richtung, aber die Lust unterlag immer den Geldbedenken ... Diesmal bekam sie so einen Aufschub, dass die Vernunft gar nicht mehr wagte, dagegen zu argumentieren. Und alle Umstände im Äußeren schienen nur auf meinen Wink zu warten, um den goldenen Teppich zum Silent Retreat in Stiersbach (bei Stuttgart) zu auszurollen. Das Tagesbild in meinem Kalender malte ich in der Nacht vor der Abreise, denn ich ahnte schon, dass ich es sonst nicht schaffen würde.

Knapp 500 km segelte ich hin in bester Laune, die der an diesem Tag aufgeblühte Sommer nachhaltig stützte. Die Strecke gab ein Routenplaner aus dem Internet vor und um 17 Uhr erblickte ich das blaue Haus abseits der Zivilisation.

Stiersbach ist ein Ort mit drei weit auseinader liegenden Höfen an einem Bach. Das Foto machte ich natürlich viel später und wählte dazu die Wiese unterhalb der kleinen Anfahrtsstraße, die sich hier hinter der Hecke versteckt.

Ich stellte mein Auto im Schatten ab und eilte hinauf. Die meisten Teilnehmer waren schon angekommen und ich war überrascht, gleich am Anfang einen Menschen zu sichten, den ich bereits in einem Satsang in Münster gesehen habe. Wir haben uns allerdings noch nie gesprochen und ich hatte nicht vor, ein Gespräch anzufangen; ich wollte ja eine ganze Woche lang nur noch der Stille lauschen!

Der zweite Blick auf das Seminarhaus erfolgt aus dem Vorgarten. Das weite Panorama mag auf manche Computerbildschirme nicht passen - ich mochte es nicht verkleinern, denn dann kann man kaum noch etwas auf dem Bild erkennen. Schieben Sie bitte den unteren Scrollbalken nach rechts, wenn Sie durch den Garten wandeln wollen. Solch breite Bilder wird es hier noch öfters geben. Stille und Weite sind enge Verwandte ...

Hier kann man schon besser den Charakter der Anlage erkennen. Das einstige Bauernhaus wurde ausgebaut und nach allerlei antroposophischen(?) Bau- und Wohnprinzipien eingerichtet. Ich mochte sehr die verwinkelten Gänge durch die vielen Gebäudeteile, die Helligkeit der Baustoffe und den frischen Geist der Räume. Im Rundbau befindet sich ein großer Seminarsaal, über ihm der Ess-Saal, dessen Fenster einen atemberaubenden Ausblick bieten.

Hinter dem Haus ein gemütlicher Innenhof - der natürliche Livingroom der Anlage. Im offenen Holzschuppen rechts stehen Sofas für Raucher (überall sonst Rauchverbot) oder für Grübler. Hinten sieht man den Eingang zum Speisesaal, der fast den ganzen Tag ein abwechslungsreiches Brunch-/Dinner-Büfett bietet, das seinesgleichen sucht. Zwar nur vegetarisch, aber für eine Woche kann ich das auch genießen. Und das habe ich auch, denn ich habe in nur 7 Tagen 2,5 kg zugenommen!

Die Stahltreppe erklomm ich mehrmals am Tage, denn dort im ersten Stock war ja mein Zimmer. Aus drei Nord-Fenstern schaute ich in den schattigen Wald hinein, ein weiteres Fenster schenkte die Sonnenuntergänge im Tal. Ursprünglich hatte ich ein freigebliebenes Doppelzimmer zum Einzelzimmerpreis gebucht, aber bei der Anreise, fand ich doch noch eine Spätbucherin darin. In der ersten Nacht kam sie nicht aufs Zimmer, weil sie nach der Abendsitzung im Meditationssaal eingeschlafen war (der Boden dort ist mit Matrazen ausgelegt, und es gibt auch viele Kissen und Wolldecken). Das hat ihr sehr gut gefallen und ... nachdem ich sie in der zweiten Nacht einige Male wegen ihres Schnarchens geweckt hatte, beschloss sie, alle übrigen Nächte in der wohltuenden Atmosphäre des Meditations-Saals zu verbringen. Am nächsten Morgen bot ich ihr an, dass wir uns da abwechseln, aber das mochte sie gar nicht. Dies war das einzige Mal, wo ich mein Schweigen unterbrach, um mich mit jemandem zu unterhalten und danach war ich froh, dass wir uns ohne Groll arrangieren konnten. So war mein Urlaub doch noch gerettet.

Das ganze brachte mir eine Erkenntnis besonderer Art: ich sei einfach nicht mehr fähig, mein Schlafzimmer mit jemandem zu teilen. Ich wusste das irgendwie in Kopf, aber in Stiersbach wurde mir das gefühlsmäßig klar.

Nun - zurück nach Stiersbach. Hinter dem Haus führt ein kleiner Schotterweg hinauf ins Reich der unzähligen Wiesen und Wälder.

Und wieder ein Breitpanorama. Links der Buddha-Garten (klicken Sie darauf, um ihn näher zu sehen), in der Mitte der Pfad zu den sonnigen Wiesen und weiter in die Wälder. Rechts eine Tischgruppe unterm Birnenbaum, wo man den Ausblick ins Tal genießen kann.

Hier saß ich also und malte an meinem Kalender. Einzelheiten dazu findet man an den einzelnen Tagesbildern vom 7. bis zum 14. Juni.

Der Ort im Tal heißt Oberrot. Der nächst größere Ort ist Schäbisch Hall. Da es mir nach Ruhe und Stille war, habe ich keine Besichtigungstouren gemacht. Nur am zweiten Tag hat mich die Neugier entlang eines Wanderweges durch die Wiesen und Wälder gelockt. Da merkte ich, dass solche Aktivitäten meinen Kontakt zum inneren Frieden schwächen. Ich beschloss also, das ohnehin weitläufige Anwesen nicht mehr zu verlassen.

Der Mittelweg durch die meist schattige Buddha-Wiese brachte mich an den Rand einer sehr steilen Wiese, die mehr der Sonne zugewandt war. Ungefähr 15 Meter hinter dem Brennholzstapel spürte ich jedes Mal, dass da eine Art Raumgrenze verläuft. Ging ich hinauf, so spürte ich, ein Nach-draußen-Gelangen. Kam ich herunter, so spürte ich an dieser Stelle, dass ich 'ankomme'; dass ich in eine verdichtete Ruhe tauche. Bereits vor der Reise las ich im Internet, dass die vielen Meditationsseminare die Entstehung eines bleibenden Buddha-Feldes bewirkt hätten. Das machte keinen Eindruck auf mich. Mit Buddha hatte ich noch nie was am Hut, ein Feld mit seiner Energie erschien mir ... esoterisches Gerede. Und nun diese 'Grenzerfahrung'. Jedes Mal gleich intensiv. Allerdings nur an dieser einen Stelle. Und ein Feld müsste doch ringsum gehen, oder? Die angeborene Skepsis in mir erlaubt mir einfach nicht, fremde Geschichten ohne eigene Erfahrung zu übernehmen. Auch wenn ich weiß, dass sie für andere eine erlebbare Wahrheit sind. Das Leben bietet soviel Erfahrbares, dass ich mich mit bloßem Glauben an etwas nicht abfinden mag.

... einer der vielen Wege zum Meditations-Raum. Hier trafen sich die sonst schweigenden Teilnehmer (ca. 40) am frühen Nachmittag und am Abend zu einem Satsang, wo sie mit dem Leiter darüber sprechen konnten, was die Stille offenlegte.

Jedes Treffen begann und endete mit Live-Musik (Gitarre, Keyboard) und Gesang der Musiker unter uns, und es gab wirkliche Größen!

Der Raum, wo alle Ängste, Sorgen, Unruhen oder Schmerzen ihren Frieden fanden. Der Seminarleiter, bekannt für seinen Humorsinn und Lebensfreude, verströmte seinen tiefen Frieden mit allem Lebensgeschehen. Einen Frieden, der unseren eigenen in vergessenen Tiefen wachrüttelte und aufkommen ließ. Von Tag zu Tag wurde die Stille in mir tiefer, fester, dichter, umfassender...

Ich hatte keine Fragen mitgebracht. Nichts Aufwühlendes ist auch während des Retreats aufgetaucht. Ein einziges Mal ging ich zum Feuerstuhl und fragte nach dem ewigen Gericht, das ich immer wieder gegen das Leben an sich abhalte. Die Antwort war wie erwartet: Umarme das Misstrauen, bis es irgendwann geht. - Na dann ...

Der wirkliche Schatz der Sitzungen im Satsang kam mir zugeflogen, als eine andere Teilnehmerin klagte, dass sie immer noch keine Tiefe spüre. Samarpan sagte Don't wait for anything und erläuterte, was er millionenmal zuvor uns nahelegte: Das-was-gerade-da-ist mit voller Aufmerksamkeit zu würdigen, statt sich den Gedanken an nicht-Vorhandenes hinzugeben.

Ich hörte den Erläuterungen nicht zu, denn die zwei unscheinbaren Silben Don't wait haben bei mir wie ein Blitz eingeschlagen. Neu waren sie keinesfalls, aber diesmal waren sie mit ungeheurer Wirkungskraft ausgestattet. Das Erkennen in mir blitzte im selben Augenblick auf - ein Gefühl des lachenden Staunens: Ja klar!

Und eine große Freiheit eröffnete ihren Raum in mir. Keine Ahnung, was da gegangen ist, was Platz machte. Es blieb nur die ruhige Gewissheit: Natürlich. Worauf denn noch warten?! Es ist ja schon alles da. In jedem Augenblick, egal wie er ausgestattet sei. Und wenn alles nötige bereits da ist ... dann erübrigt sich jedes Warten, jedes Sehnen nach etwas anderem. Es gibt also wirklich nichts zu tun, nichts zu erreichen. Das ganze Leben ist eigentlich Urlaub.

Das befreiende Don't wait kam am dritten Abend und der Rest des Retreats stand für mich in seinem Lichte. Und ... es wirkt immer noch sehr mächtig, obwohl mich inzwischen die Alltagsgedanken zu Hause wieder umgarnen. Sie können der neuen Leichtigkeit im Hintergrund nichts anhaben.

Ich kann es nicht beschreiben, welches Glück es für mich war, unter Menschen zu sein und das große Spiel der Bindungen, der Beziehungen, der Relationen nicht zu spielen! Einfach sein. In dem Sein ankommen. All die Ichs - welche ich für den Kontakt mit anderen Menschen benutze - blieben still und ein staunendes Ruhen in der Schönheit des Lebens füllte die Wahrnehmung mit allerlei 'Wundern'. Jedes Blatt, ob grün oder vertrocknet war vollkommen. Jeder Sorgegedanke, welchem Thema auch immer verhaftet, war ein kreativer Ausdruck einer Idee vom Menschenleben. Jede Unglücksstory, die wir Samarpan vortrugen, war so schön einmalig.

Innehalten, stillhalten, gewahr sein, die Stille sein, die Fülle erleben ...

Wer es nicht erlebt hat, wird es kaum nachvollziehen können - höchstens nur daran glauben, aber ein jeder Glaube wohnt im Kopf, der bekanntlich nicht die Stille-Herberge sei.

Noch ein kleiner Blick auf den Innenhof, auf den lichtvollen Essraum und die Landschaft dahinter, wohin ich jeden Morgen noch vor dem Frühstück pilgerte und die erste Glückseligkeits-Dusche des Tages genoss.

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Ein halbes Jahr später tauchte ich wieder in die wohltuende Stille ein, weil ich wegen eines Todesfalls dringend Trost brauchte. Jenes Retreat fand in der Nähe von Oldenburg statt und hatte wegen der Wintersaison einen gänzlich anderen Charakter.

der Fotobericht . . .

 

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