Die münsterische Version der langen Nacht der Museen wird von Jahr zu Jahr länger und ihr Programm umfangreicher. Inzwischen feiern wir hier drei Tage lang Schauraum - das Fest der Museen und Galerien und das ursprüngliche Besichtigen wird um viele künstlerische Performances und Musikauftritte im Freien erweitert. Sogar der Handel scheut keine Kosten und Mühe, damit seine Schaufenster zu Schaubühnen werden. Im Ergebnis ... es gibt an den - nur - drei Tagen unermässlich viel zu sehen und zu erleben.
Ich startete meine Tour bereits um 14 Uhr und zwar am Rosenplatz. Der großer Biergarten vor der Pinkus-Brauerei war der optimale Platz, um dem Bühnengeschehen zu folgen. Am Nachmittag beherrschte Jazz-Musik die Bühne, für den Abend war die Lesung von Manne Spitzer vorgesehen, die den Platz zum Club und zur Disco in der Literatur verwandeln sollte. Daher hing über der Bühne eine riesengroße Spiegelkugel ... Bis dahin gab es aber noch viel Zeit.
Ich schaute zunächst in die Galerie Goeken am Rosenplatz und staunte. Nicht weil sie noch geschlossen war, sondern weil sie komplett ausgeräumt war, und in dem Hohlraum ein Boxer-Ring aufgebaut wurde. Das ausgelegte Flugblatt - mit radfahrendem Torero in voller Heldenmontur - kündigte für den Abend die Eröffnung der Austellung Heroen in der Kunst und in der Wirklichkeit an. Der Boxer-Ring war für eine Abend-Performance vorgesehen, während die Ausstellung selbst in den Räumen in der Hollenbecker Straße gerade aufgebaut wurde. Na dann, weiter ziehen ...
In der anderen Kunst-Galerie am Rosenplatz startete schon um 15 Uhr erste Ausstellungs-Eröffnung dieses Vernissagen-Tages in Münster. Bernhard Pankok und Emil Orlik - auf den Spuren einer Künstlerfreundschaft. Viele der ausgestellten Gemälde, Zeichnungen und Grafiken gaben Zeugnis von fast lebenslanger Verbundenheit beider Künstler und erlaubten nachzuvollziehen, wie sich diese Freundschaft auf die Werke beider Künstler auswirkte. Ich ging neidvoll durch den lichten Ausstellungsraum durch: Ach, warum habe ich nicht eine Freunndin, die mich immer wieder so toll porträtieren würde ... Die neben kleinen Porträt-Grafiken mitausgestellten Metallmatrizen haben so viel Faszination bei mir ausgelöst, dass ich schon überlegte, ob ich nicht auch versuchen sollte, die feinen Linien ins ewige Metall zu ritzen ...
Die Tour ging weiter, Richtung Domplatz. An der Überwasserkirche blieb ich beim gullyRadio hängen und horchte nach den Sounds aus dem Untergrund. Diesmal waren es ein halslauter Freudesgesang der aufwachenden Vögel im Walde, was natürlich im ziemlichen Kontrast zu der geschäftigen Geräuschkulisse der nahen Café-Terrasse von Lazaretti stand. Die bereits seit Donnerstag währende Performance, bei der die Ohrpilot-Künstler Tiedemann und Jilo die Unterstadt zum allpräsenten Sender machten, hat mich - die kein Radio zu Hause duldet - bereits am ersten Abend in die Stadt gelockt und bis Mitternacht festgehalten. Chapeau bas! Die unter den Kanaldeckeln installierten Lautsprecher boten am Donnerstag Mix aus der Opernwelt (Orpheus und Eurydike), Lesungen über die antike Welt und natürlich den passenden Höllenklang. Und nach Mitternacht wurden Krimis vorgelesen. An einigen Stellen wurden lauschige Plätze mit rotem Teppich und Liegestühlen um die Gullydeckel eingerichtet, damit man sich dem Hörgenuss entspannt hingeben könne. Aber viellerorts blieben erstaunte Passanten mitten auf der Straße stehen und horchten über einem der unscheinbaren Gullys. Hörten sie richtig, dass da von unten etwas ..? Solche Überraschungen konnte man entlang der Pfade erleben, die die einzelnen Ereignisplätze der Museen-Nacht verbanden. Der Gully auf dem zweiten Foto befand sich in der Domgasse und traktierte immer noch mit dem Vogelwald ... was in dieser Kulisse beinahe surrealistisch erschien.
Die Domgasse hatte noch eine weitere Attraktion für mich - die Galerie Nettels. Ich mag sie wegen der großen Vielfalt, die sich dort dem Auge präsentiert. Dank großer Künstlerpalette und vielfältiger Medien eine wahre Schatzkammer für viele Geschmäcker. Diese Galerie hat das Bild von Falko Behrendt Münster lebenswert erwählt, um den heutigen Tag mit Kunden zu feiern und zwar indem man die Radierung in verschiedenen Formaten zu ermäßigtem Preis erwerben konnte. Da mich viele andere Sachen im Geschäft mehr angesprochen haben, als das Bild des Tages, biete ich es Ihnen hier nicht an ... | ||
Nächste Station war das Geologisch-Paläontologische Museum. Zur Zeit noch ruhig und leer, aber die seit Mai dieses Jahres wirkende Innenhof-Bühne der kunstrasen sollte hier noch bis ein Uhr in der Nacht für Aktion sorgen. Das Museum selbst bot neben der bewährten Führung durch die Präparationsabteilung und - nachts natürlich - der Taschenlampenführung durch die Archivkeller die Kunst-Ausstellung Der Atem des Mamuts an. Und genau die wollte ich mir ansehen. | ||
Einige Künstlerinnen befassten sich nämlich mit der im Museum illustrierten 'unendlichen Evolution' und zeigten ihre Bilder, Skulpturen und Installationen, die in den Dialog mit den Museumsexponaten treten. Ich folgte also den im Museum gestreuten roten Schuhen, um jar nichts zu verpassen. Mein Eindruck war gemischt, wie üblich bei einer Gruppenausstellung. Das Farbleben mancher Bilder hat mich schier begeistert, die Leblosigkeit der anderen - trotz Themennähe - nicht zu faszinieren vermocht. Zu fotografieren traute ich mich nur in dem langen Flur im Obergeschoss, dessen Wand mit einer halbrunden Schautafel versehen ist, die 'auflistet', was alles seinen Anfang im Urmeer genommen habe. Die anderen Bilder an der Wand stammten von den Malerinnen, die sich dem Thema der Elemente im Allgemeinen widmeten und nicht die überzeugendsten waren - in meinen Augen natürlich. | ||
Mein zu Hause sorgfältig vorbereiteter Leitfaden für die Besichtigungen führte mich nun zur 'geografisch' nächsten Station in der Stadt -Ausstellungssalon beim Juwelier Nonhoff. Ich war zwar niemals besonders an Schmuck interessiert - auch wenn ich mal stolze Besitzerin eines teuren Perlen-Colliers war, der eben bei Nonhoff für mich maßgefertig wurde - aber zu sehen, wie andere mit dem Thema kreativ umgehen, finde ich schon spannend. Im letzten Jahr sah ich dort fanstastische Kunstwerke aus ... Papier. Diesmal wurde Prunk aus Schwaben - Georg Spreng vorgestellt. Der weltweit renomierte Designer scheint in der Tat auf den Prunkaspekt zu setzen. Das gewaltige Wort Klunker passte zu so vielen Exponaten! Gleich in der ersten Vitrine wurde eine Art offener Halsbehang präsentiert, aus zwei 'Biliardkugeln' aus Platin, die an beiden Enden eines Strangs loser Drahtspiralen hingen - alles mit raffinierter Oberflächengestaltung. Die Juwelier-Dame, die mich im Salon begrüßte und herumführte (tja, zur Nachmittagszeit gibt's noch diesen Luxus...) war offensichtlich von dem 40 Carat-Diamanten, der einer Kugel anhaftete, sehr beeindruckt. Und ... etwas enttäuscht, dass mich dieses Prunkstück kalt ließ. Ich verließ aber nicht gänzlich unberührt diese Ausstellung, oh nein. Im Prospektheft habe ich nämlich einen zierlichen Halsreif aus drei Ringen gesehen, der mich absolut verzauberte. 30.000 Euro hatte ich aber nicht bei, so ging ich mit leeren Händen, genau genommen mit leerem Hals auf die Straße ... Wer mehr Interesse den edlen Materialien entgegenbringt, dem empfehle ich den virtuellen Besuch im traditionsreichen Haus mit dem berühmten Glockenspiel an seiner Fassade: http://www.juweliernonhoff.de/
Von jenem Haus mit dem Glockenspiel bis zum nächsten 'Schauraum' gab es der Schritte nur wenig und doch machte man dabei einen gewaltigen Sprung ... Die moderne Fassade mit dem großen Eingangsbereich trennt das Mittelalter der Straße vom Jetzt voller Prunk, wo Geldausgeben in erster Linie dem Genuss diene. Der frühere trostlos graue Hausklotz der Sparkassenzentrale wich einem Palast, welcher der Bank, dem Business und dem genusssüchtigen Menschen diene. Da ich schon immer Luxus liebte, haben Münster Arkaden leichtes Spiel bei mir gehabt - und zwar der guten Küche wegen, die dort in fantastischem Ambiete gedeiht. Aber nicht um zu schlemmen kam ich diesmal hierher ... auf meinem Plan standen die Schauräume des Handels. Zunächst suchte ich beim Teppichhändler Nyhues nach dem Geknüpften Gold der Gashgai-Nomaden aus dem Zagros-Gebirge (Wo mag das denn sein?). Das exotische Nomadenzeltdach schuf einen Sonderraum für einige tatsächlich warm schimmernde Teppichläufer in ruhigen Farben, die allesamt an Gold denken ließen, obwohl dies bei Grün oder Braun nicht unbedingt üblich sei. Mit kleiner Streichelprobe der Kostbarkeiten beendete ich meine Begegnung mit der Welt, die unseren Füssen Gutes tun möchte.
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Die andere Seite der Münster Arkaden öffnet sich zum Hinterhof des Picasso-Museums. Mit Blick auf den langen Laufzettel des Tages widerstand ich der Versuchung, eine Besichtigungspause auf der Terrasse einzulegen und ging hinein. Ich merkte, dass man für den großen Ansturm rüstete - die später erwarteten Menschenmassen sollten besser 'kanalisiert' werden. Ich musste also ums Haus herum laufen, um der neuen Flussordnung zu folgen. In allen Räumen herrschte noch relative Ruhe.
Ganz oben gab es die am Vortage eröffnete Ausstellung Picassos Gebrauchskunst - Die Sammlung Margadant. Die Ausstellung wird wohl mehr die Picasso-Feinschmecker ansprechen - mein Malerin-Herz wurde da nicht gerade wach. 'Hingekritzelte' Presseillustration, viel Friedenstaube, wändelang Plakate für verschiedene Kongresse, einige Kopftücher für Kongressteilnehmer. Schön fand ich das Nachspiel zu dem von Picasso entworfenem Plakat für einen internationalen Jugendkongress in Stockholm (1958). Sein schlichter Blumenstrauß hat was. Fleurop hat viele Jahre später das Motiv für seine Werbeplakate mit dem Slogan benutzt: Jeder Strauß ist ein Original. Dieser Satz strahlt für mich nicht weniger Kunst-Essenz als das Bild. | ||
Im ersten Stock schaute ich mir die ebenso vor kurzem eröffnete Ausstellung Die vielen Gesichter der Moderne - Eine süddeutsche Privatsammlung. Prädikat: unbedingt sehenswert. Nicht weil diese Kollektion ihren ersten öffentlichen Auftritt hat - wenn Sie hierher kommen, sehen Sie halt Bilder wie in einer jeden Ausstellung, das Spektakuläre lebt nur in den Pressezeilen - sondern weil es dort wirklich viele Schätze gibt und das in einer so breit gefächerten Auswahl, dass jeder Besucher seine Lieblingsbilder finden wird. Die publikumswirksamen Künstlernamen bilden da lange Perlenkette. Zitat: ... In über vierzig Jahren Sammeltätigkeit eines süddeutschen Ehepaares entstand eine Kollektion von Meisterwerken der klassischen Moderne, wobei den Sammlungsschwerpunkt die deutsche und französische Kunst des frühen 20. Jahrhunderts bildet. Mit den ausgestellten Gemälden, Skulpturen, Handzeichnungen und Druckgrafiken wird ein überaus facettenreiches Bild der künstlerischen Avantgarde dieser Zeit geliefert. In der Vielfalt der Exponate sind vor allem Paul Cézanne mit der Farblithografie Die Badenden oder Paul Signac mit Notre Dame in Paris zu bewundern. Diese Auswahl ergänzen Arbeiten von Henri Matisse, Auguste Renoir, Auguste Rodin und Henri de Toulouse-Lautrec. Der deutsch Expressionismus ist mit Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken der Künstlervereinigung Brücke und des Blauen Reiters vertreten. Hierbei bilden einen Schwerpunkt die Werke von Gabriele Münter, wie Dorfstraße in Murnau oder Tisch im Gartencafé, die in künstlerischer Zwiesprache mit Exponaten von Wassily Kandinsky, beispielsweise seine Grüngasse in Murnau, gezeigt werden. Die 80 ausgewählten Werke kehren nach dieser einmaligen Präsentation wieder an ihren privaten Aufbewahrungsort zurück.
So, genug der Hymne für Picasso-Museum. Und ich ..? Was gab es da für mich? Arbeiten von Auguste Rodin. Und ... von Käthe Kollwitz. Ihre Zeichnungen fand ich unaussprechnlich schön. Hier sehen Sie die Obdachlosen. Trotz der Miniaturgröße, schauen Sie genau hin ... Diese Gesichter! Selbst im Schlaf so beredt! | ||
Etwas abrupter Kulissenwechsel ... Nach den Kunsthimmeln wieder mitten unter uns - hier vor dem Stadthaus. Die Schaufenster der gegenüber liegenden Galeria Kaufhof boten Bilder, zu denen ich lieber nichts sagen möchte, sowie alte afrikanische Holzfiguren, die auch außerhalb meiner persönlichen Ästhetik beheimatet sind - Afrika ist nicht meine Welt ...
Und nun war mein Laufzettel mehr auf Performances aus. Zunächst das gullyRadio-Studio. In dem silbernen Walfisch walteten die Tonkünstler, und ihnen zuzuschauen, mit welcher Hingabe und Liebe, sie ihr Klanguniversum schufen, war die Performance per se. Während an einem Mikro Literatur dargeboten wurde, streichelte jemand das zweite Mikrofon hauchzart mit einem Papierfetzen - und das in einem exaktem Rhythums - ohne ... der zuschauenden Umgebung gewahr zu sein. Der härtere Vorlese-Ton erhielt dann schon leichtes Kratzen der Fingernagelschere zur Betonung. Danach gingen die Regler am Studiopult in Bewegung. Und so weiter und so fort ... Ich konnte mich von dem Schauspiel kaum lösen - die Liegestühle um den nahen Gully hatten hier keine Anziehungskraft. Auf der anderen Seite des Stadthauses .. noch ein Radio. Inmitten der urbanen Geschäftigkeit vollzieht sich das Wunder des menschlichen Ohres, das die Macht hat zu entscheiden, was aus dem Lebens-Orchester empfangen wird. | ||
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Der Rathaus-Innenhof wurde abermals für drei Tage zur guten Stube. Der rote Teppich wurde diesmal für die Designer Lounge ausgerollt - umgeben von Imbissständen einiger Restaurants konnten die Münsteraner Platz nehmen in den out-door-Sesseln des Spitzendesigners aus England Ron Arad.
Sofa D für ambitionierte Kunstsammler und fürs Volk ... Little Albert - der ebenso wetterbeständige Sessel, leicht, urbequem und angenehm in Berührung (aus Fibro-irgendwas hergestellt). Man konnte ihn 'ersitzend' kennen lernen und ... bei Gefallen zum halben Preis erwerben (d.h. 120 Euro). Als ich am ersten Abend gegen 23 Uhr danach beim Infostand der Stadt nachfragte, hieß es: Sorry, alle vergriffen - Sie können nur noch auf die Warteliste... Aber gehen Sie doch in die Ausstellung The Master's Selektion, die am 16. September beginnt. Da wird Ron Aron - Professor an der Royal Collage of Art in London - die Abschlussarbeiten seiner Meisterschüler vorstellen. Da könnte man auch etwas abstauben ... Heute erlaubte ich mir nicht, nach einem freien Sessel Ausschau zu halten - mein Laufzettel sah keine Muße in der Designer Lounge vor ... Aber dafür viele weitere Attraktionen! | ||
Sie werden es kaum erraten, was die nächste Attraktion war. Ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Treffen mit Freunden, und das nutzte ich für den Abstecher nach ... Fernosten. Thema: Die gehobene Kunst des Reisens - in einem Kunstwerk-Zug, dem der Weg alles bedeutet - und nicht das Ziel. Im Lückertz-First-Reisebüro fuhr der Orient-Express über einen großen Bildschirm und mir verschlug es den Atem. Es jubelte in mir: Das muss ich mal erleben! Mit Orient-Express durch Südasien zu ziehen! Die Begeisterung war so heftig, dass ich ein wenig unruhig wurde, also bat ich um Werbematerial und floh davon - einerseits war es bald 18 Uhr und andererseits ... wer weiß, ob ich nach längerem Hinsehen nicht gleich buchen würde. Später, zu Hause ging das Träumen weiter. Wenn es Ihnen auch danach ist, können Sie die Foto-Bibliothek von Orient-Express anschauen - drücken Sie dort auf das erste 'GO' und der Abstecher ins Träumen ist perfekt.. Oder schauen Sie bei Lückertz in der Salzstraße nach, ob Sie den Film noch sehen können ... | ||
In letzter Minute zum Rathaus. Dem berühmten Rathaus des Westfälischen Friedens. In seinem historischen Ratssaal sollte heute die Vergangenheit wieder aufleben. Das Team der Stadtführer bereitete anhand der alten Akten eine Gerichtsverhandlung vor, wie sie einst hier stattfand. Auf der großen Treppe vor dem Rathaus fand ich meine Freunde in einer Schlange stehen, die sich alle 10 Minuten verdoppelte. Großes Warten war angesagt - eine Beschäftigung, die ich nicht besonders gut ertrage. Wie gut, dass das Treppenleben eine unterhaltsame Abwechslung bot. Eine alte Tradition - nicht nur in Münster übrigens bekannt - ordnet an, dass ein Junggeselle, der 30 wird, diese Treppe blank fegen solle. Nun kamen also unterschiedlich kostümierte Schwellenkandidaten mit Freunden, die dafür sorgten, dass es massig zu fegen gab. Der erste Kandidat, den wir sahen, musste die Treppe voller Bierkorken frei räumen. Für den zweiten - der Büro-Abstammung wohl - wurden zwei große Säcke mit Papierschnipseln aus dem Aktenvernichter ausgeschüttet. Diese Aufgabe musste die fleißige Biene Maja mit einer ... Zahnbürste bewältigen. Ob ihr später ein richtiger Besen zu Hilfe kam, weiß ich nicht, denn nun bewegte sich unsere Schlange und wir verschwanden in der Bürgerhalle. Eine Stunde später sahen wir die Treppe blitze blank ... | ||
In der Halle verflog die Freude schnell - in die erste Verhandlung passten wir nicht hinein. Fast vor unserer Nase hat man die Tür zum Friedenssaal zugeschlagen - also weitere Übung in Geduld. Zwei Leute gaben auf und nun waren wir nur noch zu dritt. Nach einer halben Stunde kam der mundgewaltige Gerichtsherold und verkündete, dass das Gericht ein Urteil zu fällen habe in einer Sache aus der Zeit nach der Bezwingung der Wiedertäufer in Münster durch den Fürstbischof von Waldeck. Das erlaubte uns, das Ziel unserer Zeitreise in die Vergangenheit ungefähr zu orten. | ||
Der Richter kam herein, ernannte schnell zwei Bürger aus dem Publikum zu Schöffen und die Verhandlung der Sache: Anna Pohlmann konnte beginnen. | ||
Der Gegenstand des Streites - Nachlass des kürzlich beim Reiten verunfallten Fürstbischofs von Waldeck - bekannt als Kanonadenbischof, der das Königreich der Wiedertäufer in Münster 5 Jahre lang belagerte und auch bezwang. Das sicherte ihm den Platz im Pantheon der deutschen Geschichtshelden. Die Gerichtsverhandlung kratzt mächtig an der Bronzestatue des katholischen Kirchenfürsten - sehr zur Freude des 'empört knurrenden' Publikums. Familien-Belange und die Finazierung der langen Belagerung verzehrten so ziemlich alles Vermögen des Ehrwürden. Nun gilt es zu entscheiden, wer das übriggebliebene kostbare Messgewand erben solle. Der Physikus der Stadt macht sein Recht geltend ... als Mediziner des Patienten ohne Erben. Anna Pohlmann, die der Gegner als machthungrige Hausmagd sehen möchte, reklamiert ihr Erbrecht ... als Ehefrau und das seit 20 Jahren (nur eine lutherische Heirat war möglich, aber immerhin) und als Mutter von acht Kindern des Bischofs, die inzwischen allesamt zu ehrwürdigen Bürgern geworden sind, und durchaus materiell abgesichert wurden. Eine schriftliche Heiratsurkunde sei zwar in einem Kirchenbrand verraucht, aber es gäbe viele Zeugen. Anna Pohlmanns Anliegen wird von der im Haushalt mitlebenden Schwester, dem Stiefsohn(!) - einem Rechtsanwalt, und von der Tochter - einer Nonne unterstützt. Der Physikus zittiert regionale Adelige an seine Seite. Die ganze Story bekommen Sie hier nicht - vonwegen - reihen Sie sich nächstes Jahr mit in die Schlange am Rathaus ein. Einen so unterhaltsamen Geschichtsunterricht finden Sie sonst nirgendswo. Recht hatte Evelyn, die mich bei meinen Ungeduldkanonaden beschwichtigte - das Warten lohnt sich. | ||
Nach der Gerichtsverhandlung gingen wir erstmal zum Lamberti-Kirchplatz, wo um 19 Uhr eine Performance der Galerie Ostendorff anfangen sollte. Der Dortmunder Künstler Bernd Moenikes bearbeitete einen Baumstamm mit diversen Motorsägen zu einer Skulptur, die nach Einbruch der Dunkelheit mit Feuertaufe bedacht werden sollte. Das Spektakel hieß Lieder für den Feuerbaum. Von dem Geschehen bekamen wir leider kaum was mit - nur die Säge erreichte unsere Ohren. Der Künstler wurde leider nicht auf eine Bühne gestellt und sein Wirken war nur für die ersten Reihen der ihn umkreisenden Zuschauer zu sehen. (Das Foto habe ich später der Website von Ostendorff entliehen. Da können Sie auch mehr von der Veranstaltung sehen und erfahren.)
Nach wenigen Minuten zogen wir zu dem heute swingenden Horsteberg hinterm Domplatz. Das Foto zeigt die drei Damen (eine kam eben hinzu) im forschen Anmarsch - kurz vor dem Ziel. In Wirklichkeit machte ich das Foto wegen ... der Kulisse um eine weitere Station des gullyRadio. Übrigens ... die weißblauen Häuschen am Dom heißen toi, toi | ||
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Vier zusammen montierte Fotos versuchen, das ganze Panorama des dämmernden Ortes wiederzugeben. Ein Konzert endete vor einer Weile, das nächste wurde erst vorbereitet - daher herrschte Ruhe auf dem Platz und wir konnte noch gut auswählen, wo wir uns setzen. Fünf Minuten später hätten wir nur noch zwischen Stehplätzen zu wählen.
Voilà unser Logenplatz in der ersten Reihe, so könnte man noch einen langen Abend genießen. Mich drängte es aber nach weitergehen. Nach wenigen Konzertminuten wusste ich, dass ich kein Swing-Fun werden würde - egal wie renomiert die Sängerin war. Meine Zeit rief nach anderen Inhalten. Wir zogen in Richtung Rosenplatz, wo ja um acht Uhr die Lesung Unter der Spiegelkugel angefangen hat. | ||
Unterwegs lockte uns eine ungewöhnliche Ausstellung vom Weg. In den kahlen Räumen der Baustelle eines einstigen China-Restaurants installierten sich kurzerhand einige junge Künstler. Die Schäbigkeit der Kulisse hatte etwas Absurdes, etwas Irreales verstrahlt. Wir gingen in die Tiefe des langen Raums und staunten, dass es hier unverständlicherweise schön oder zumindest faszinierend ist. Das Foto zeigt einen Frauenakt, den ich schön fand - vor allem das Gesicht war eindrucksvoll gezeichnet. Mein Interesse zog den Künstler aus dem Versteck hervor und er erzählte mir kurz, wie es zu der Ausstellung kam.. | ||
Entspannter Austausch bei der nächste 'Ablenkung'. In der Galerie Spiekerhof. Es gab herrliche Spektralbilder und ... zwei versteinerte Baumstämme zu bewundern - uralt natürlich. Beim bloßen Anblick habe ich gedacht, es wären mit Poliesterschicht überzogene Baumstämme unserer Zeit, bis die Berührung sagte, dass das einstige Holz zum kühlen Stein wurde, dessen Schnittfläche von Menschenhand glattpoliert war. 150 Millionen Jahre ..! unfassbar langer Lebensatem. | ||
Wir berieten uns kurz ... Rosenplatz oder doch Kurswechsel zum Westfälischen Landesmuseum? In der Nacht der Museen sollte man doch zumindest eines von innen gesehen haben, oder? In einer Viertelstunde soll im Landesmuseum eine Führung zum Thema Verführung in der Kunst beginnen. Das Thema verfehlt nicht seine Wirkung. Wir eilen zum Domplatz. Unterwegs schließen sich Annette mit Ralf an; im Museum kommt noch Ulrich hinzu.Wenn's so weiter geht, haben wir bald die ganze DFG zusammen...
Das Museum ist gerammelt voll. Die Führung - eine Katastrophe. Das nervöse Mädel erklärt uns, dass die Verführung bei Adam und Eva angefangen hätte, und die Bildszene von Kranach eine besondere Variante zeige, weil das Ur-Paar beisammen stehe und nicht durch den Baum der Erkenntnis getrennt. Und wir kriegen es eigentlich deswegen zu sehen, weil die Zensur jener Zeit weniger biblische Akt-Bilder ausschloss. Nach jedem Satz scheint der Verdacht unsere Führerin zu beschleichen, dass da etwas nicht stimme und sie schaut sich unruhig nach dem Bild um: Stehen sie noch da? Ganz nackt? Richtig zusammen? Meine Geduld reicht nur bis zum zweiten Bild. Den sterbenden Märtyrer (Hl. Sebastian?) lasse ich im Stich und wandere alleine los, um gleich weitere Abtrünige zu treffen. Alle Räume sind hoffnungslos überfüllt; wir kämpfen uns zum Ausgang durch und beschließen als nächstes die Design Lounge anzusteuern.
Auch hier ist es gerammelt voll, man kann sich kaum in der dichten Menschenmenge bewegen. Und doch stimmt die Atmosphäre des Ortes. Ein leuchtender Festplatz mit Musik, Unterhaltung, Imbiss-Möglichkeit. Meine schlichte Kamera war leider nicht fähig, das Lichtspektakel festzuhalten - also musste das Internet die Impressionen beisteuern. Meine Begleiter absolvierten in Ruhe ihr Abendessen und wir gingen zur Studio-Zentrale von gullyRadio. Die Ohrpilot(en) im vollen Einsatz wie am ersten Abend! Echt bewundernswert. Nun ist aber endgültig der Rosenplatz dran! Ab zum Prinzipalmarkt!
Unterwegs passieren wir den fast leeren Platz an der Lambertikirche. Das Feuerspektakel ist längst vorbei. Schade, das hätte ich so gerne gesehen ... Der Künstler packt seine Sachen, aber einige seiner Werke sind noch zu sehen. Die fertige Skulptur Flehender Baum wurde allerdings schon weggebracht. Sie soll nun zwei Wochen lang in einem Schaufenster ausgestellt (Foto ganz rechts) und schriftlich versteigert werden. Der Erlös wird dann einem guten Zweckt zugeführt. Wenn Sie mit-steigern möchten: http://www.ostendorff.de/ | ||
Am Rosenplatz husche ich nochmals durch die Pankok-Orlik Ausstellung im Kunstkontor. Dann nach gegenüber - der leere Boxerring in der Goeken Galerie sinnt verschwiegen dem Kampf in der Kunst nach. Aber die Heroen in der Hollenbecker Straße empfangen noch Besuch.
Tja, um das alles zu sehen, hätte man auf vieles andere verzichten müssen... Unser Auge streift über die kommentierten Fotos an den Wänden und zwei niedliche Modelle des gewaltigen Hermansdenkmals. Eine Videowand zeigt eine unedlich lange Szene, die mehr zum Thema Vertrauen als Heldentum aussagt. Der Bogenschütze und sein potenzielles Pfeilopfer lassen sich gleichzeitig nach hinten fallen und halten sich dabei an seinem gespannten Bogen fest. Würde er loslassen, tötet sein Pfeil in Sekundenschnelle die Frau. Würde sie loslassen ... entgeht sie auch nicht dem Pfeil. Das beihnahe-Standbild lässt dem Betrachter viel Raum zum Sinnieren, ob und wenn wie viel Mut und Risiko im Spiel der beiden schwingt. Dass die Szene gestellt ist, ändert ja nichts an der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die ja kein Mensch unter seiner Kontrolle hat... Eines ist klar ... Im nächsten Jahr werde ich den Rosenplatz in meinem Programm stärker beachten.
Fast Mitternacht geworden. Meine Füße ..! Sie brennen Alarm. Wie gut, dass mein Auto in der Nähe steht. Das war's für heute. Gute Nacht | ||