Der letzte Ausstellungsort der documenta zittiert den Besucher auf den Berg - ins Schloss Wilhelmshöhe. Eine mir sehr vertraute Gegend. Vor 13 Jahren war ich hier zur Kur und wohnte direkt am Rande der grandiösen Parkanlage. Zweimal täglich erklomm ich den Berg und besuchte eine Magnolie vor der Orangerie. Als ich jetzt den einst grünen Hang vor der Schlosskulisse erblicke, bin ich zunächst entsetzt über das Bild der Verwüstung. Ein Schild belehrt mich aber des Besseren - Kunstprojekt von Sakarin Krue-On. Der Künstler legte hier Terrassen für den Reisanbau an. Der Blick von unten kann natürlich das zarte Grün in den Vertiefungen nicht erfassen. Nun schaue ich mir das karge Umfeld und die grünen Streifen an. Der verregnete und recht kühle Sommer scheint dem asiatischen Getreide nicht zu behagen. Noles volens spielt es hier seine Theaterrolle als künstlerischer Hinweis auf geografische, botanische und kulturelle Verflechtungen zwischen dem Ort und der Heimat von Sakarin Krue-On. Der Park ist ja voll von asiatischen Bäumen und Sträuchern; unter den Schätzen im Schlossmusem findet man zahlreiche Kunstwerke aus Asien, die hauptsächlich während der Kolonialisierung nach Europa gelangten.

Im Foyer des Schlosses flaniere ich kurz zwischen den keramischen Zeugen der europäischen Antike - Hier ist die Zeit stehen geblieben - alles wie vor 13 Jahren ... Der Fahrstuhl bringt mich zur 4 Etage. Als Erstes begrüßt mich gleich ein Kino-Kasten mit 3 Leinwänden und viel Pauken und Trompeten dazwischen ...

Die Medieninstallation von Dias & Riedweg trägt den Titel Funk Staden und nimmt damit Bezug auf einen Kasseler. Hans Staden aus dem 16. Jh. lieferte ein unrühmliches Blatt in die Geschichte ... Die reich illustrierte Beschreibung seiner Erlebnisse während einer Kolonialexpedition an die Küste des heutigen Brasiliens, wo er infolge des Schiffsbruchs zeitweilig in die Gefangenschaft beim Stamm Tupinamba geraten war, wurde zu einer Art Legitimation für die 'zivilisatorische Bekehrung der primitiven Völker'. Stadens Wahrhaftige historia gibt ein Zeugnis von damaliger Engstirnigkeit der weißen Kultur, die noch nicht im Stande war, das Wertesystem anderer Kulturen wahrzunehmen und zu respektieren. Geradezu herrliches Beispiel bildet die Begebenheit mit der 'Anklage' wegen der Kannibalismus-Sünde. Dabei wurde der Staden nicht verzehrt, weil dieser Ritus der Tupinamba nur besonders geachteten Gegnern gegenüber vollzogen wurde, man wollte ihren Mut, ihre Charakterstärke sich einverleiben - die Zitterhose Staden war halt ungenießbar ...

Auf dem Foto von der Installation sieht man nun eine Gruppe heutiger Tupinamba in Rio de Janeiro, die die 'Schreckensbilder' jener Riten aus der Wahrhaftigen historia symbolisch nachspielen. Eine alte Papiergeschichte wird zum sehr lebendigen Bild voller Magie und Lebensfreude.

 

Das zweite Video ist heutigen Jugendlichen gewidmet. Danica Dakic nutzte dazu die Landschaftstapete El Dorado aus dem im Schloss Wilhelmshöhe beheimateten Tapetenmuseum. Junge Menschen verschiedener Nationen treten vor ihr auf und erzählen von ihren persönlichen Höhen und Tiefen. Ich verfolge zwei Auftritte und bin angetan von der Frische, der Direktheit, der Authentizität der Erzählungen. Irgendwie beneide ich die Jugendlichen um dieses Erlebnis - als ich in ihrem Alter war, gab es kein Umfeld in meiner Nähe, wo ich mich so offen erleben könnte.

Zwischen beiden Kino-Räumen eingeschlossen gibt es einen ... Tunnel mit Vitrinen für lichtscheue Exponate. Ihre Skala reicht von asiatischen Zeichnungen und Miniaturmalereien aus dem 14.-16. Jh. bis hin zur Emotional Library von Shooshie Sulaiman (2007). Dazwischen finde ich die winzigen Tagebücher von Nasheen Mohamadi (in der Neuen Galerie beschrieben) und die erstaunliche Collage von Martha Rosler. Und dann ...........

... entdecke ich drei Bibelbücher in Blindenschrift, deren Seiten Hu Xiaouyuan mit Aquarell bemalte. Ich bin wie verzaubert. Kaum entferne ich mich von ihnen und schon drehe ich die Runde wieder in ihre Richtung. Beim dritten Mal betrachtet mich der am Vitrinentisch sitzende Museumswächter als seine Bekannte und nickt mir lächelnd zu. Gesprochen haben wir nicht ... es war klar, dass wir dieselbe Liebe für Mine teilen.

Die tiefer liegenden Etagen des Museums gelten eigentlich den alten Meistern, aber dokumenta war selbstbewusst genug um sich daran messen zu lassen ...

Ein Beispiel nenne ich nur Zofia Kulik - jene Fotografin aus Warszawa, deren Fototeppiche ich bereits im Fridericianum-Bericht bewundert habe. Hier hängt sie wieder. Neben Rembrandts Gemälden. Splendor of myself (II) heißt der Titel auf Englisch. Und damit fügt sie sich in die Stimmung bei den Nachbarn ein. Der Unterschied ..? Ich lasse hier den der Kunsttechnik (Foto statt Ölgemälde) außer acht, denn dieser Unterschied ist mir nicht so wichtig. Rembrandts Würdenträger ließen den Splendor ihrer Position in der Gesellschaft dokumentieren, Zofia Kulik zeigt den Schatz ihrer Achtung für sich selbst. Interessant ist auch die Wandlung, die das Fotogemälde erfuhr. Bei der ersten Version des Porträts trug die 'Königin' einen fantasievollen Kopfputz; bei der zweiten handelt es sich um eine Kaiserkrone oder päpstliche Tiara, was die spirituelle Komponente einer Künstlerin akzentuiert, welche sich nach dem Tode vom Papst Jan Wojtyla mit T-Shirt-Logo ablichten ließ: Ich trauere nicht um den Papst ...

 

Mit diesem Bild schließe ich meine Wanderung durch die dokumenta XII ab. Ich hatte zwar noch etwas ganz dick angestrichen im Katalog, aber leider ... Der eingeladene Künstler beschloss kurzerhand, dass man seine Kunstwerke doch lieber bei ihm zu Hause bestaunen möge. El Bulli liegt in Spanien an der Costa Brava ... Was blieb mir also übrig, als später im Internet zu recherchieren und über die Bequemlichkeit des Künstlers zu jammern.

Ich hätte echt viel dafür gegeben, die exzentrischen Einfälle von Ferran Adria zu kosten. Ein 25- bis 30-Gang-Menü, bei dem der Meisterkoch eine Überraschung nach der anderen serviert und dabei mit den Erwartungen unserer Routine in Bezug aufs Essen herumspielt. Der Apperitif-Coctail wird im großen Schneewürfel entdeckt, welcher dichten Nebel verströmt. Es gibt viele 'sphärische' Gerichte, deren Erscheinungsform keinerlei Aufschluss darüber gibt (wie die weiche grüne Kugel oben), um welches Lebensmittel es sich handele, aber beim Kontakt mit der Zunge sofort ein vetrautes Aroma identifiziert werde, das meist als 'besser als die Natur' beschrieben wird. Die vermeintlichen Caviarkugeln sind Saftbeutelchen mit Melonenaroma. Die rosafarbige Koralle erweist sich als dunkle Schokolade, die mit säuerlichem Himbeerpudder bestäubt wurde. Usw ... Und all das schmecke himmlisch - jauchzen alle unisono!

Wer einen Tisch bei Farran Adria reservieren möchte, müsse mit Wartezeit von einigen Jahren rechnen. Es kann schlimmer werden, denn der Maestro denkt an langsamen Rückzug - seine Bücherpublikationen bringen seit langem mehr ein, als er je mit seinen 175 Euro-Menüs pro Person verdienen könnte. Denjenigen, die sich das Nachkochen seiner Rezepte nicht zutrauen, bleibt nur noch, den Erinnerungen der Glückspilze zu lauschen, die im El Bulli gespeist zu haben. Mit herrlichen Fotos, damit das Auge mitgenießen könne ...

 

Kassel ... Ich werfe noch einen letzten Blick aus dem Fenster - auf die Stadt am Horizont, auf die Reis-Terrassen vor dem Schloss, auf die Parkallee, die ich vor Jahren täglich benutzt hatte ... und da fällt es mir wieder ein: die Magnolie! Gibt's sie noch? Ich muss sie unbedingt besuchen!

Sie ist da. Prächtiger denn je. Das liege wohl an dem dichten Laub; damals war sie eine lichte Blütenwolke. Ich stelle mich wieder zwischen ihre geneigten Zweige, warte ein wenig - nein, kein Lied steigt in mir auf. Damals sang ich hier den Stress der Krebspatientin hinaus - ich summte das eindringliche Motiv vom Czajkowskis Schwanensee oder ein Stück von Beethoven, (von dem ich dachte, es wäre von Chopin), oder etwas aus der Kinderkiste. Nun scheint aber keine Verbindung mehr zu jener Zeit zu bestehen. Es füllt mich Stille.Wunschlosigkeit. Ruhe. Na dann - ab nach Hause!

/September 2007/

nach oben