Das hoch über der Aue gelegene Museum Neue Galerie ist normalerweise die Heimstätte für ehrwürdig alte Kunst. Und sie ist seit längerem wegen Grundrenovierung geschlossen; ihre Wiedereröffnung ist fürs übernächste Jahr geplant. Was tue man aber nicht für die documenta ... Das freut mich natürlich sehr, denn so bleibe ich im Zentrum und brauche nicht mehr - wie bei meinem letzten documenta-Besuch vor 10 Jahren - zu dem schäbigen Schlachthof am Rande der Stadt hin, wo ein großer Teil der Ausstellung damals untergebracht war. Die verdunkelten Fenster der Hauptfassade deuten schon an, dass man im Gebäude mit wenig Licht auskomme ... Merkwürdigerweise fiel mir das aber erst beim Verlassen der Galerie auf, als ich vom Tageslicht geblendet wurde - na ja, vom Abendlicht eigentlich, denn es war ja kurz vor acht.
The Angel of Mercy. Die Medieninstallation von der New Yorkerin Eleanor Antin - kreiert 1977 - kommt mir ziemlich geschichtlich vor, mit ihrem Bezug zu einem wenig bekannten Film von 1936 (der laut Katalog ein Flopp war) und mit den für mich nicht klaren Reminiszenzen zum Krieg auf der Krim und in Vietnam. Auch das Thema der feministischen Befreiung konnte mich nicht hinreißen, das war ja Thema für die Generationen meiner Oma und Mutter. Also schlendere ich durch die Dunkelkammern der Geschichte wie ein Geist vom Mond und schnappe etwas Stimmungen in den ausgestellten Fotos aus Kalifornien auf. Und ... ich wundere mich, dass diesem Werk noch so viel Raum zur Verfügung gestellt wird. Es wird offensichtlich, dass ich seine Idee gar nicht wahrnehmen kann.
Ganz anders ergeht es mir beim Betreten einer weiteren 'Catacumbe'. Im Katalog war das Werk weder abgebildet noch beschrieben, und nun stehe ich in diesem Keller und glaube brennende Luft einzuatmen. Die Hitzewelle presst mich an die Gegenwand. Der Impuls wegzulaufen kann aber seine Wirkung nicht entfalten, denn das Auge hat schon die Zeile gelesen, die sich in mein Gehirn einbrennt. Den leuchtenden Spruch kenne ich zwar nicht, wohl aber seinen Sinn. Diese Idee mischt mein Leben immer wieder auf. Sie bedient sich bei mir der Sehnsucht ..., einer mächtigen, stillen Sehnsucht - nach dem Dahinter, noch vor der Form, vor der Idee sogar ... Später, viel später werde ich im Internet recherchieren, um Näheres über den glühenden Gedanken zu erfahren. Der chilenische Künstler Gonzalo Diaz schuf seine Wandskulptur 1999 und nannte sie Al Calor del Pensamiento (Bei der Glut des Denkens). Die Zeile selbst ist ein Zitat aus ... Novalis’ Blüthenstaub. Fußnötchen: die münsterische Skulptur 06 - der Bettler von Dora Garcias Projekt - war bei seinem Besuch in Kassel auch sehr von diesem Kunstwerk beeindruckt - mit dieser Heizspirale an unserem Spiekerhof, wo der Bettler täglich seinen Stand aufbaut, hätte ihm der Winter nichts antun können ... | ||
Ich habe mich seeehr lange bei den filigranen Zeichnungen (Tusche/Bleistift auf Papier) von Nasreen Mohamedi aufgehalten. Winzige Zauberwelten, die der Verstand alleridngs als holzmaserungsartige Spielerei abtut. Ich habe dieses Bild hier mehrmals fotografiert (ohne Blitz erlaubt), aber leider ließ sich der Zauber des feinen Spinnenetzes kaum einfangen; die Verkleinerung tat das Übrige. Deswegen muss ich Interessierte an eine Extraseite mit der Vergrößerung verweisen. Das Original ist nur 14x14cm und wirkt viel delikater als die Fotografie. Am nächsten Tag - im Schloss Wilhelmshöhe - werde ich mit ähnlicher Technik gestaltete 'Tagebücher' vom Mohamedi bewundern können - im Vergleich zu jenen Heftchen ist das Bildchen hier ziemlich groß ... | ||
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Auf meinem Weg nach oben entdecke ich diese Himmels-Oase - das Treppenhaus wird wohl eine asiatische Kunsthand gestaltet haben. Ich weiß nicht mal, ob es sich hierbei um ein Kunstwerk im Rahmen der laufenden Ausstellung handle. Im Katalog finde ich weder jetzt noch später kein einziges Wort darüber. | ||
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Im ersten Raum oben eine überraschende Art und Weise der Kunstwerkpräsentation ... Natürlich handele es sich hier nicht um eine Notlösung aus Platzmangel. Sie sehen die wohlüberlegte Installation von Ibon Aranderri mit dem Titel : Politica hidraulica. Er baute eine künstliche Landschaft aus gerahmten Luftaufnahmen der spanischen Stauseen, Dämme und Wasserkraftwerke, die seit den 50-er Jahren gebaut wurden und dem Künstler wie flächendeckende Wunde der Natur erscheinen. Gerahmte Bilder jener Großprojekte - ebenso in Privatwohnzimmern wie Regierungsgebäuden sehr präsent - bezeugen immer noch den Stolz über die Errungenschaft der Technik.
Mary Kelly's Love Songs (von 2007 !) ist das denkbar schönste - meiner Meinung nach - Denkmal der feministischen Befreiung. Denkmal, weil hier der Inhalt seine Jugendphase längst hinter sich gelassen hat, und die Installation nun erlaubt, einen Blick auf zurückgelegte Strecke zu werfen. Die Betonung liege dabei auf der Einkehr der Politik in den privaten Lebensraum. In die mattweißen Plexiglasscheiben des Hauses (Inbegriff des Privaten?) sind Zitate verschiedener Frauen eingeschnitten worden, die darüber erzählen, wie sie verschiedene Frauen-diskrimienierende Ansichten im Familienleben übernahmen und wie sie sich davon befreiten. Durch die Textbuchstaben strahlt nicht nur das Licht der Neonröhren hindurch, die Aussagen strahlen das Private der menschlichen Einschränkung und das staunende Entdecken neuer Relation im Zusammenleben mit dem anderen Geschlecht. Ohne Pauken und Trompeten. Das lichtvolle Haus inmitten des roten Saals fesselt die Aufmerksamkeit ... für die anderen Teile der Installation (Schwarze Spruch-Tafeln an den Wände, Archivaufnahmen einst berühmter Demos etc.) bleibt nicht sonderlich viel übrig. | ||
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Der Foto-Zyklus einer politischen und doch humoristischen Performance Flashing Nipples Remix von 2005 verdient vielleicht noch die Erwähnung. Die Bilder sprechen wohl selbst ...
Unweit dieser hellen Welt wartet auf den Besucher die neue Catacombe. Churchill Madikida's Installation Status befasst sich mit dem Thema Aids. Das Thema kehrte in das Leben des Künstlers mit der Erkrankung seiner Schwester ein und verhalf ihm auch bei der Bewältigung des Trauerschmerzens, nachdem sie starb. Wie so oft, bewirkt der persönliche Kontakt mit dem Sterbeprozess eine Klärung eigener Einstellung dem Leben gegenüber. Der Künstler betont, dass seine Installation mehr die Wärme des Lebens als die Kälte des Todes erfahren lasse ... | ||
Das filmische Werk von James Coleman Retake with Evidence bietet viel gleißendes Weiß als Kulisse. Kaum Requisite. Nur der trübsinnig sinnierende Schauspieler Harvey Keitel, dessen Monolog shakespearische Größe anstrebte und mir inhaltlich verschlossen blieb. Ich bleibe trotzdem eine gute Viertelstunde auf dem Boden der großen Projektionshalle liegen. Die konzentrierte Künstlichkeit der Handlung und des Bildes sind irgendwie faszinierend. Ebenso die Größenrelationen - jener überlebensgroße Mann auf der Leinwand, in der großen, recht leeren Halle und wir, die wirklichen Personen, die an den Wänden kauern und so klein erscheinen. | ||
Die überlangen Wände des Treppenhauses bieten passenden Raum für das weitere Werk von Hu Xiaoyuan (jene Haar-Strickerin vom Fridericianum). The Times nannte es die Künstlerin. Drei Bahnen weißen Seidenstoffes; darin liebevoll hineingenähte Andenken, Erinnerungsstücke, Spuren vergangener Freuden, Ängste, Betrüge ... - von der Künstlerin selbst, von ihrer Mutter und Großmutter. Die Idee erschien mir rührend, ohne mich allerdings tief zu berühren - halt nett. Vielleicht kann ich das nicht so schätzen, weil mir persönlich solche Sachen nicht viel bedeuten? Oder ... habe ich heute schon zu viel gesehen ..?
Zeit, dass ich der Kunst den Rücken kehre. Heute - morgen geht es ja weiter.
Zum Schluss verewige ich mich in der violettfarbenen Planke von John McCracken und suche den Weg aus dem Haus der dunklen Kammern ... | ||