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Oben angekommen sehe ich zunächst drei barfüssige Tänzerinen, die innerlich gesammelt einen kurzen Bewegungszyklus immer und immer wieder repetieren. Ich schleiche durch die dichten Zuschauerreihen im Flur und gelange in eine Raumecke. Jetzt erst weiß ich: Ach, das ist diese Installation mit den Kleidern! - die gestrige Kataloglektüre hat mich sehr neugierig gemacht. Nun kann ich die ganze Installation von Trisha Brown sehen. Floor of the Forest hat sie ihr Werk genannt. Den Raum hier kann man von drei Seiten betreten und an jeder Tür 'tanzen' drei Personen. Einige Minuten; dann verlassen sie den Raum und kommen bald vereinzelt zurück - sie nehmen aber keinen Kontakt mit den Besuchern auf, gehen zwischen ihnen, als wenn sie zwischen Bäumen ihrem Ziel zustrebten. Die ganze Aufmerksamkeit gelte dann den bunten Wäschestücken an den Schnüren. Langsam, konzentriert verändern sie ihre Aufhängung, strecken und dehnen dabei viele zusammengerutschte Stoffe auseinander. | ||
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Dann steigen einige auf das Gerüst und ... begeben sich auf die Reise durch die Innenräume der Kleider. Langsam, sehr langsam. Unterwegs ruhen sie oft, bevor sie ein neuer Bewegungsimpuls aufleben lässt. Gemeinsam mit den Tänzern der schwebenden Stoffe bewegen sich auch viele Zuschauer, bemüht um neue Blickperspektiven auf das sich verändernde Bild. Alles in Stille; gemeinsame Meditation ... | ||
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Weiter meditieren kann man auch im Saal nebenan. Dies ist aber ein anderer Tanz. Iole de Freitas hat ihn kreiert. Mit soviel Schwung, dass er die Hausfassade durchdrang und nach außen gelang. Das haben Sie bereits auf dem ersten Foto von Fridericianum sehen können. Meine ersten Augenblicke hier sind noch voll von greifendem Erkunden; was für Stoffe sind es, was hält sie zusammen, durchbrechen sie die Wand wirklich, aus welcher Richtung kann man das Werk am besten erfassen etc. Nachdem der Kopf alles Wissbare abgeklopft hat, gibt's noch die letzte Aufgabe: Haben die Formen eine Bedeutung ..? - Nein. Der Verstand lässt endlich los.
Stille; ich schlendere, mal entlang, mal querdurch, bleibe hier und da stehen. Irgendwann meldet sich die Weckerfunktion: Zeit weiter zu gehen! Ich mache Fotos und ... gehe nochmals entlang. Es ist so schön hier.
In dem anderen Saal betrete ich eine völlig andere Welt. Mit der scheine ich nicht kompatibel zu sein. Fasziniert bin ich nur von der auf Video aufgenommenen Performance des chinesischen Künstlers Lin Yilin aus dem Jahre 1995. Ein unspektakulärer Fall, der doch binnen kurzer Zeit viel Publikum inklusive herbeigeeilter Fotoreporter auf den Plan rief. Lin Yilin hat eine Ziegelmauer die breite Straße im Zentrum seiner Stadt ... überqueren lassen - Stein für Stein setzte er die Wand um, mitten im Straßenverkehr, direkt vor der Baustelle eines Hochhauses. (Die Betonziegel habe ich hier etwas eingefärbt, weil sich der Film nur sehr schlecht fotografieren ließ.) Zeit um den ganzen Film zu sehen, habe ich natürlich nicht. Ich komme aber mehrmals wieder, und verfolge die Entwicklung 'häppchenweise'. Ich beneide ein bisschen den Künstler um seine einfache Idee, die in vollkommener Nutzlosigkeit wurzelt und doch unendlich fasziniert ... | ||
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Auf dem weiteren Weg zu oberen Gefilden des Fridericianums entdeckte ich diese gemütliche Ecke mit zehn (oder mehr?) lebendigen Bildschirmen - meine Überraschung ist groß, denn zunächst deutete ich die Situation in Richtung: man gönne den Fußballpassionaten den Einblick in irgendwelche aktuellen Ligaspiele - was tue man nicht, um Publikum anzuziehen ... Ich liege aber ganz falsch; Harun Farocki zeige nämlich hier die Medieninstallation Deep Play. Entlang des Beispiels des Endspiels der WM 2006 kann man nun über den ewigen Spagatversuch des Menschen sinnieren, der sich nach der Spontanität des Lebens sehnt und ... gleichzeitig komplexe Systeme entwickelt, um die Unberechenbarkeit zu zähmen, womit er natürlich gegen die Natur eines Spiels antritt. Das vergnügte Leben lässt das eine Weile laufen, um dann ein paar neue, also nicht vorhersehbare Aspekte aufs Spielfeld zu schicken ... | ||
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Noch ein Kino. (Es gab deren unzählige; der Bildschirm habe wohl das Erbe der Malerei übernommen.) Im Dachgeschoß lasse ich mich mit verständlicher Freude in einem Sessel nieder - gegenüber läuft der Film über die Tanzperformace von Luis Jacob. Titel ... A Dance for Those of us Whose Hearts Have Turned to Ice, Based on the Choreography of Francoise Sillivan an the Sculpture of Barbara Hepworth (With Sign-Language Supplement). Der Fettdruck ist kein Formatierungsfehler, der Titel ist wirklich so lang - ein Zeichen für mich, dass das Werk einem aufstrebenden Mental entstamme; die Musen der Leichtigkeit des Seins finden da schwerlich Zugang. Zuerst schaue ich nur hin - Es ist irgendwie leer. Also lese ich den Katalogkommentar durch, sogar zweimal, aber mein Herz bleibt dem Geschehen abgewandt. Ich selbst tanze oft spontan, und liebe diesen Kontakt mit absoluter Unberechenbarkeit meiner Bewegung, die sich von selbst manifestiert. Auf der Leinwand sehe ich aber nur ... Fuchtelei. Der 'Tanz' der zwei (Monitor)Frauen, die etwas in Zeichensprache vermittelten, der ist echt! Absolut echt. Und wunderschön. Im Katalog heiße es, dass es sich um Auszüge aus den Schriften von Sullivan, Borduras, Hepworth und Read handele. Mag sein; der Inhalt ist mir egal. Faszinierend finde ich die Emotionalität der Zeichensprache, und den großen Raum für den individuellen Ausdruck. Die 'Sprecherinnen' machen ähnliche Gesten und Mienen und doch fällt dieser Tanz so unterschiedlich aus! Unsere gesprochene Sprache unifiziert viel stärker den Ausdruck. | ||
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Das wär's aus dem Fridericianum ... Bevor ich mich von einem Rikschafahrer zur Neuen Galerie bringen lasse (meine Beine sollten ja noch bis zum späten Abend durchhalten), gönne ich mir eine Stunde Pause auf der Terrasse vorm Museum. Die Küche Beim Ägypter liefert trotz später Zeit noch warme Mahlzeit (keine Ahnung, was ich da esse, aber es schmeckt). Ich höre mir noch ein Paar Runden den Audioguide an und lege ihn wieder weg. Mir ist nach Muße. Als ich dann eine neue Idee für meine Schriftfeder mitkriege, notiere ich hastig, damit mir diese bei dem Erlebnis-Stau nicht entweicht. Mal sehen, ob dieses Foto den Augenblick eines neuen Sammelwerkes dokumentiere, oder nur eine gewöhnliche Mittagspause ... | ||