Museum Fridericianum sei der Haupt-Tempel der documenta. Hier werde die Kunst-Oberliga präsentiert, hat man mir erklärt. Da wollte ich nicht einfach blind durchwandern und beschloss, mich ausnahmsweise fachmännisch (beg)leiten zu lassen. Bald halte ich ein iPod mit schmucken Kopfhörern in der Hand - junge Leut' in der Schlange können's kaum glauben; es ist meine Premiere. Die Bedienung ist leicht zu erlernen. Die Aufnahme selbst ... zeigt sich als schwer verdaulich. Zunächst einige allgemeine Vorträge zum Einstimmen. Nun, da ich ohnehin den großen Ansturm vor dem gerade erst eröffnenden Fridericianum abwarten will, lausche ich mit halbem Ohr den Kommentaren über die Vorbereitung der documenta. Am Souvenirstand springt mir die Postkarte mit documenta-Motiv ins Auge und bald fülle ich die langen Adresszeilen für ein Geheimfach am Domplatz aus. Den Briefkasten finde ich am Rande des verblühten und nicht mehr 'besungenen' Mohnfeldes von Sanja Ivekovic, wo Friederichs Denkmal in den Himmel hineinragt ...

Mein gestriger Abend im Hotel war fleißig; über die Installation von Andreas Siekmann (ja, ja - der Siekmann von Twickle down in Münster) habe ich schon gelesen. Die Exklusive. Zur Politik der ausgeschlossenen Vierten. (gemeint ist seine Ergänzung zu den klassischen Gewalten: Legislative, Exekutive und Judikative) Die neue Gewalt, das sei die Macht, die geltenden Rechte zu missachten. Das um das Herrscherdenkmal kreisende Karuzell mit Pappfiguren von Polizisten und bedrängten Ausländern, bleibt nicht nur eine allgemeine Anklage - Siekmann nimmt Stellung zu derzeitigen Konflikten ums Thema Asylgewährung in Kassel.

Das Foto rechts zeigt, dass sich ein Politiker für das Interview genau diese Kulisse erwählte, als ich mich gerade dem Museum näherte. Ob da über Asyl oder über Kunst gesprochen wurde, keine Ahnung ...

So, mit einem Fuss bin ich drin. Bereits im Foyer bleibe ich hängen. Skulptur-Guard mit dem üblichen weißen Umhang steht wie Lotsfrau an einer Säule. Wahrscheinlich hat die junge Frau die Aufgabe darauf zu achten, dass Leute die spiegelnde Säule in der Mitte nicht einrennen, weil sie die gar nicht bemerken. Das Foyer selbst ist gänzlich verspiegelt und plustert sich zum grenzenlosen Saal auf. Alles und alle spiegeln sich an mehreren Stellen, so könnte man sich leicht eine Beule holen ...

Ein Schild habe ich nicht gefunden, aber ich vermute, dass es sich bei der Geisterssäule um eine Planke von John McCracken handle. Einige andere habe ich bereits gestern im Aue-Pavillon gesehen. Mit farbigem Polyester überzogene Holzblöcke. Im Katalog finde ich einen schönen Satz dazu: Der Künstler habe seine Objekte stets als Brücken zwischen verschiedenen Zuständen von Wirklichkeit gesehen - zwischen dem, was gesehen und berührt werden kann und dem, was ungesehen bleibt.

Im ersten Saal der Ausstellung höre ich vom Audioguide, dass man die Werke hier um ein Thema gruppiert habe, aber das Thema wird mir dann doch nicht klar. Naturmaterialien? Beziehung zur Natur? Mein unsichtbarer Guide hüpft im Raum und ich hechte hinterher ... um bald das Ding auszuschalten - als wenn ich nicht schon genug Stress hier hätte! Gestern war ich nicht von so einem Besucher-Pulk umgeben (wegen Montag?), und es macht mir arg zu schaffen, nicht mehr den nötigen Raum und die Stille zu haben.

 

Zur Sache. Das Minifoto zeigt das größte Werk im Raum Löwe im Bonsaiwald von ... Cosima de Bonin. Schon wieder die ..? Wieso steht das Ding nicht in der documenta-Halle neben ihren Filztieren ..? Im Katalog lese ich über 'erstaunlich weitreichende Ergebnisse' von Bonins 'basic research', knipse schnell ein Foto und entziehe dem Löwen meine Aufmerksamkeit - nicht mein Spielkanon.

In den Vitrinen leuchten zwanzig alte Stickrahmen mit weißer Seide. Darauf extrem feine Bilder und Muster. Statt Garn wird das Haar eingesetzt. Das muss doch die Chinesin sein, die bei uns in Münster studierte! Beim Tag der offenen Türen in der Kunstakademie präsentierte sie ihr Ess-Service, das auch so fein mit ihrem Haar dekoriert worden war. Ihr Weg nach Kassel war also extrem kurz. Wer hätte das gedacht! Der Katalog stellt sie als Hu Xiaoyuan vor.

Diese Bilder zeige ich hier, nicht weil sie mir gefallen hätten (obwohl sie mir durchaus gefielen); besonders fand ich nur die Art der Präsentation. Die großformatigen Kästen lagen ungeordnet auf dem Boden und zwangen die Besucher zum Eiertanz um sie herum.

Die meisten wollten ja noch zu dem hinten aufgehängten und hoch gepriesenen Gemälde Could This Be Love von Kerry James Marshall.

Im selben Saal das zweite Wunder: Antler Antology I-XII von Atul Dodiya. Ich schaue mir die extrem großen (198x114cm!) Aquarellbilder des indischen Künstlers immer und immer wieder an. Alle zwölf! Herrliche Wüstenfarben als Hintergrund für unverständliche Verse ... Im Katalog finde ich, dass es sich um Gedichte zeitgenössischer Autorinnen handle, die in der Muttersprache von Dodiya schreiben. Meinetwegen - denke ich - es ist eigentlich egal, ob die kalligraphischen Zeilen einen Sinn trügen. Die Bilder sind einfach wunderschön. Und dann entdecke ich an einer Wand die englische Übersetzung der Texte. Nicht alle lassen mich herein; am allerschönsten finde ich die schlichte Zeile zur Nr. XII - (Foto o. r.) What if the paper slips away from under those words? (Kamal Vora)

Mit minimalen Mitteln große Wirkung erzielt - ich war echt beeindruckt von Andrei Monastyrskis Idee. Seine Installation Fountain ermöglicht uns ins winterliche Moskau, an die Brunnenanlage der Völkerfreundschaft zu gelangen und das Thema monumentales Denken in unserem Kopf durchzuspielen. Der Künstler spielt mit der Architektur des Ortes. Die 16 göldenen Republikdamen aus der Stalin-Ära, die im Original unhergehende Parkbesucher und die jeweiligen "Republikpaläste" anschauen (heutzutage Messegelände), hat Monastyrski von hinten fotografiert und sozusagen umgedreht - nun schauen die Demeter-Gesandten ins Leere ...

 

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