documenta-Halle

Lange vor mich hergeschoben und dann eines Morgens heißt es beim Frühstück: Heute ist documenta dran. Im Internet reserviere ich mir ein zentral gelegenes Hotel und fahre los. Dem Navigationsgerät sage ich nur: Kassel! Als ich dann aus einem Tiefparkhaus im Stadtzentrum herauskomme, stehe ich direkt neben der berühmten Halle. Nun dann ...

Für den Ausstellungs-Katalog und die Eintrittskarte für 3 Tage zahle ich 70 Euro... - da erkenne ich erst die Großzügigkeit Münsters, wo der Eintritt nicht vergoldet wurde - alle Kunst der skulptur projekte ist gratis zu sehen. 1 : 0 für Münster.

Die große Halle zu meinen Füßen präsentiere sich etwas leer - ist mein erster Eindruck. An der Wand hängt ein Riesenteppich und ich lese verständnislos im Katalog dazu, dass er ur-ur-alt sei und den ewigen Wüsten-Traum von Gärten spiegele. Künstler ist natürlich unbekannt. Und was mache diese Antiquität auf der Ausstellung der ultramodernen Kunst?!

Diese Frage werde ich mir noch öfters stellen, denn viele Kunstwerke sind längst Bewohner der Kunstgeschichte. Eine Antwort sollte bis zum Ende nicht auftauchen.

Die weißumrandeten Exponaten in der Mitte der Halle gehören zur Installation von Cosima von Bonin Relax it's only a ghost. Ich steige hinab und schaue mir das Sammelsurium an ...

Die überdimensionalen Kuscheltiere vor den leeren Holzkäfigen erzählen mir nichts. Die Dinger sind fotogen, aber sonst?

Im Katalog schreibt ein Dirk von Lowtzow allgemeines Zeug ohne direkten Bezug zu den Exponaten. Morgen werde ich mir den Audioguide für den ganzen Tag ausleihen; in der Hoffnung, dass er mir die Augen aufmache. Los, weiter ...

Ansprechenderes für mein Auge bieten vier große Wandteppiche (links) von Abdoulaye Konotaté Gris-gris pour Israel et la Palestine.

Ich wende mich der blauen Wand im Hintergrund zu. Zwanzig symmetrisch geschnitzte oder geätzte(?) Holztafeln faszinieren mich sehr; mehrere Minuten tanze ich davor, bemüht das Geheimnis ihrer Entstehung zu entzaubern. Erfolglos. Der Lageskizze im Ausstellungflyer entnehme ich, dass es sich hier um das Werk von Osmolovsky handele.

Mein Katalog wiegt zwar schwer in der Hand, enthält aber keine Zeile Kommentar über dieses Werk; der Name Osmolovsky taucht im Kontext einer Fotografie auf, die im Fridericianum ausgestellt wird. Und so behalten die Holztafeln ihr faszinierendes Geheimnis für sich.

Später werde ich noch in der Liste sämtlicher Kunstwerke den Titel finden: Bread, 2006.

Das Foto zeigt einen meiner Favoriten - der sozialkritische Künstler Inigo Manglano-Ovalle hätte aber wenig Freude dran, wenn er hören würde, warum. In eine verdunkelte Kammer hinter der Halle stellte er nämlich sein Werk Phantom Truck - ein angebliches ABC-Waffen-Labor im Irak, wie ihn einst Amerikaner der Welt präsentiert haben, um ihren Krieg zu 'legitimieren'. Da der Truck in Wirklichkeit nicht existiert, sollen die Ausstellungsbesucher ihn hier als Spuckerscheinung erleben. Dies erfolgt, indem man sich ihm durch den dunklen halbrunden Gang nähert, oder aber durch einen Raum, dessen Scheiben mit roter Folie beklebt wurden. In beiden Fällen kommt man bei dem Trucknachbau fast blind an und muss warten, bis sich die Augen umstellen und den Track langsam erscheinen lassen - halt geisterhaft ... Im Internet (und nicht im Katalog) kann man dann nachlesen, dass der Künstler das Phänomen der Lügen-Bildung im Visier hatte.

Für Sozialkritisches habe ich bekanntlich kein Interesse, daher entließ ich den Geist sehr schnell in die Dunkelheit hinter meinem Rücken.

Mein Auge war verliebt in die farbigen Lichträume!!! Der Gang hin und her wurde zum fantastischen Erlebnis. Je nachdem woher man schaute, war die Wahrnehmung der Lichtfarbe anders. Und das Verweilen im roten Raum, wo der Künstler sein Kunstwerk Radio untergebracht hatte, hatte etwas Faszinierendes. Zunächst untersuchte ich vergeblich den hohen Raum nach einer Quelle des geheimen Lichtes, stellte dann fest, dass sich das Rot zum Gelb wandelt und das weiße Tageslicht der großen Halle nebenan blau werden lässt.

Nach dem Lichtspektakel wandte sich meine Aufmerksamkeit dem zweiten Wunder zu - hinterm Fenster. Das Himmelspektakel 'in Rot' hatte Machtvolles erzählt. In seinen Bann schien er jeden Raumgast locken zu können ... das arme Radio (jener stumme Block auf dem Boden) von Manglano-Ovalle wurde von keinem Menschen beachtet. (Vom Katalog auch nicht.)

>>>