Nach der documenta-Halle mit ihren recht wenigen Kunstwerken war eine weitere Halle dran. Ein wahrer Streitapfel zwischen den Architekten, die einen Lichttempel präsentieren wollten, und dem Auftraggeber, der daraus eine schäbig verdunkelte Treibhauskaserne machte - im Namen der ... gefährdeten Kunstwerke.

Und deren gab es viiiiele! Ich habe nicht vor, sie alle vorzustellen - nur ein paar, die besonderen Eindruck auf mich machten.

Gleich zu Anfang lockt die Augen ein Frische strahlendes Gebilde von 16 Metern Länge. Ahnungslos nähert man sich dem aufgestelzten Garten mit zartem Grasflor: Was wachse hier? - Sozialkritik, Abteilung: Anklage gegen Biopiraterie. Unzählige Samentüten erzählen äußerst suggestiv im Bild und Wort von der Beteiligung der Botanischen Gärten am Transfer wertvoller aber nicht bezahlter Gen-Ressourcen in westliche Länder. Das imposante Werk mit dem Titel Siegesgärten kreierte Ines Doujak. Ihre Collage-Bilder auf den Tüten werde ich später in der Neuen Galerie in Originalgröße sehen - reihenweise hässliche Schönheit oder eben eindrucksvolle Hässlichkeit; wie Sie wollen, auf jeden Fall sehr malerisch ...

 

Diese Installation von Dmitri Gutov trägt klaren Namen - Fence. Der Zaun besteht aus 6 Paneelen aus Metallnetzen oder Drahtgebilden, die 'Bühne' für allerlei Industrieschutt abgeben. Der russische Künstler dachte da an das Design der aus Not kreativen Gärtnerinnen in den Städten, die ihre 'wilden Anbaugebiete' mit gefundenem Schutt umzäumen.

Auf die gebastelten Zaunpaneele schweißte der Künstler Schriftzüge oder -zeichen historischer Berühmtheiten. Auf dem Foto links sehen wir Beethovens letzte Seite des Briefes An die Unsterbliche Geliebte vom 07.07.1812. Auf anderen Zaunteilen begegnen sich Karl Marx, ein Kalligraphie-Meister, ein Samurais aus Japan, ein Maler und Dichter aus China.

Der schäbige Zaun hat's mir angetan; ich komme noch zweimal zurück, um ihn zu sehen. Einfach herrlich.

Eine andere Herrlichkeit ... Aus Afrika. Gefertigt von Romouald Hazoumé, der alte, verbrauchte Wasserkanister - jenes fundamental wichtige Gefäß des trockenen Kontinents - in wunderbare Masken verwandelt. Damit will er an der 4000 Jahre alten Tradition der afrikanischen Yorùbá weiter basteln.

Im Ausstellungskatalog heißt es dazu, Hazoumé gebe den Menschen der westlichen Welt ihre Abfälle zurück. - Also ... einen edleren Krieg kann ich mir nicht vorstellen. Chapeau bas!

 

An einigen Ausstellungsorten begegnete ich solchen Mandalas (von 1971..!) von John McCracken. Der Bezug zu der buddhistischen Meditationspraxis ist offensichtlich, aber die Maltechnik mit ihrem 'Primitivismus' unterscheidet sich diametral von den verspielten Ahnen. Trotz der Grobheit und der matten Farben sprachen mich diese Bilder durchaus an. Wahrscheinlich der zentrierten Ruhe wegen, die ich beim Anblick spüren konnte.

Eine recht große Wirkung, wenn man bedenkt, dass dieses Mandala kleiner als eine A4 Seite sei, was ihn neben den unzähligen Werkriesen in der weiten Halle wie ein Winzling erscheinen ließ.

 

 

Wesentlich größer ist das andere Bildwerk, das zur Medieninstallation Mach doch heute Lobby von Alice Creischer gehört. Ich würde es hier gar nicht erwähnen, wenn jener Schriftzug auf der silbernen Folie nicht aufglänzte und den Kopf rätseln ließe: Rieselfelder ..? Aus Münster ..?!? Wegen jener blöden Frage halte ich mich da länger auf und höre mir die verschiedenen Tonbänder an, blättere in den ausliegenden Heften - ohne Erfolg. Der Katalog lieferte natürlich auch keine Erklärung.

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich verwundert war, wie wenig Malerei in Kassel zu sehen war. Zeigten die skulptur projekte münster 07, dass die Skulptur eine ausgestorbene Spezi sei, trieb mich dokumenta zu der Feststellung, dass Malerei auch kaum noch zur Kunst gehöre ;-)

OK, weiter geht's. Zur 'Performance', die von 13 schwarzen Gitarren gemeistert wird. Sie stehen im theatralischen Dunkel und zupfen sich selbst ... Die Installation Black Chords plays Lyricks schuf Saadane Afif. Solange ich jenes Konzert aus der Entfernung hörte, stönte in mir etwas über die unsichtbare Nervensäge. Als ich aber den Raum zwischen zwei Hallen betrat, blieb ich dort lange gefangen. Zunächst will natürlich mein Verstand das 'Selbst-Spiel-Mysterium' lüften. Nachdem das mechanische Funktionsprinzip verstanden wurde, gibt es eine Phase der Beobachtungsgymnastik: schafft mein Auge die richtige Gitarre beim Erklingen des Akkords zu erwischen? Danach war der Raum fürs Zuhören frei; für die einzelnen Klänge, für die Stimmung im Raum, ... Urlaub für die Augen.

Jenes Gitarren-Intermezzo war eine angenehme Abwechslung nach so vielem Sehen und vor dem noch anstehenden Sehen.

Wieder eine Dunkelkammer. Große verspiegelte Stellewände, in der Mitte ein Kingsize-Bett mit Schaltkasten für die Videoprojektion gegenüber. Dias & Riedweg haben mehrere Sexarbeiter der Schwulenszene interviewt. Als ich ahnungslos in dem dicht gefüllten Raum ankomme, brauche ich lange, um zu verstehen, warum das Interview im Bett stattfinde, warum der Mann vor der Kamera eine dicke Maske mit den Gesichtszügen des Interviewers trägt und wovon er spricht. Die Sexarbeit ist auch gar nicht sein Thema; jener ausgebildete Musiker und Dirigent, dem eine Musikkarriere irgendwann entglitt, erklärte dem Interviewer, dass sein Job der Entwicklung seiner künstlerischen Aspekte diene - ein Künstler solle halt alle Aspekte des Lebens kennenlernen. Punkt. Blende. Nun folgt eine Luftaufnahme von auf der Straße liegenden nackten Sexarbeitern. Computerspielartig sollen wir jetzt auf den Knopf des Schaltkstens drücken, um den nächsten Mann ins Bett zu wählen ... Das Spiel hat den Titel Voracidad Maxima (Maximale Gier). Keiner traut sich, der Raum leert sich aber nicht. Die authentische Seite aus dem Lebensbuch - ohne eine konzeptionelle Glasur der künstlerischen Sozialkritik - hält die Zuschauer im Bann. Es ist faszinierend, mitzubekommen, wie andere ihren Lebenssinn definieren.

 

Interessant unter weiteren Exponaten im Aue-Pavillon fand ich auch Lukas' Duwenhöggers Modell: The Celestial Teapot.

Es handelt sich hierbei um seinen Vorschlag für ein Mahnmal, mit dem im Berliner Tiergarten den homosexuellen Nazi-Opfern gedacht werden sollte. Der Bezug zum Thema liegt in der heutzutage als zu affektiert geltenden Pose, die im Tanzbereich als eben Teekanne bezeichnet wird.

Dieser Künstler sorgte für viele Schlagzeilen nicht nur in Kassel - Ai Weiwei aus China. Er stellte in Kassel eine lebendige Skulptur aus 1200 Mitbürgern aus, die noch nie im Ausland waren. Damit Kulturtransfer stattfinden könne, müssen Menschen über den Tellerrand des vertrauten Alltags hinausschauen, dachte er sich und ließ Vertreter in ganz China rekrutieren. Da man so hohe Anzahl von chinesischen Gästen nicht auf einmal unterbringen könnte, kamen sie in einigen Gruppen nach Kassel und blieben je einige Tage. Deswegen kann ich sie Ende August nicht mehr antreffen. Ich hörte aber, dass die Gäste auch während des Aufenthaltes sich nicht unbedingt in den Ausstellungsräumen aufhielten - Kassler Geschäftstraßen waren für sie noch exotischer als die ultramoderne Kunst ...

 

Ausser Chinesen brachte Ai Weiwei auch 1001 renovierte Holzsessel der Qing-Dynastie (1644-1911) zur dokumenta. Diese waren in der Tat beihnahe überall zu sehen. Sie dienten der Erholung auf langen Wegen durch die Kunstwelt, oder den Informations-Sitzungen mit Ausstellungsführern.

Ich probierte die Trone aus; bequem waren sie nicht, da es aber Besseres nicht gab, waren meine Füsse sehr froh ...

Und neben dem Aue-Pavillon ruht ein anderes Werk von dem Liebhaber der Antiquitäten Ai Weiwei. Während die Städte in China auf Deubel komm raus die Wohnsubstanz modernisieren, trauerte der Künstler um die alten Häuser ... Er beschloss also die Modernisierer zu mahnen und baute aus ausgemusterten Türen und Fensterläden einen herrlichen Turm. Wenige Tage vor der Eröffnung der documenta erlag dieser einem heftigen Regen ... daher hieß es eingangs: Hier ruhe ... Übrigens, Ai Weiwei hat den Wink der Natur verstanden: Let go ...

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