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06 über 01

Filch beschließt, den berühmten Faden von Mark Wallinger zu besuchen. Er beginnt seinen Besuch am nördlichsten Punkt. Von einer Einwohnerin wird er unterrichtet, dass im Vorfeld bereits 197 Anwälte und Notare in den Anbringungsprozess involviert waren. Sie sprechen noch kurz über einige andere Skulpturen, unter anderem auch über den Beggar. Die Frau glaubt, ihn noch nicht gesehen zu haben und weiß nur, dass er die ganze Stadt durchstreift. Sie fragt sich allerdings, ob dem Beggar gesagt wird, was er tun soll, oder ob sich der Ablauf seiner Gänge und Handlungen einfach ergibt. Filch fragt sich das auch.

Die Frage nach dem Beggar wird heute überdies zu Filchs bevorzugtem Standard. ...und dieser Beggar versucht an alles Mögliche zu kommen, oder, an Geld, an Informationen?- Und dabei wandert er durch die Stadt. - Fast so wie ich jetzt! / Können Sie noch eine Skulptur empfehlen? - Ja, Nr. 6, aber die haben Sie ja schon gesehen.)

Sofort beim ersten Anblick beginnt er, den Faden ein wenig zu beneiden. Weil der Faden nichts zu erklären braucht. Er ist schön. Filch weiß ihn zu schätzen, und das passiert, ganz ohne dass er sich von irgendetwas überzeugen muss. Wie viele Dinge, denkt er, muss man zu schätzen wissen, weil man sonst ungerecht wäre oder undankbar oder einfach verrückt. Und dann plötzlich dieser Faden, der ihm für den Bruchteil einer Sekunde den Glauben an den Zauber des Irrationalen zurückgibt. 197 Notare und Anwälte, aber den Faden scheint das völlig unbeeindruckt zu lassen.

Filch folgt ihm im umgekehrten Uhrzeigersinn bis zum Schloss, wo er allerdings auf eine falsche Fährte gerät und - wie sich später herausstellt - über den Botanischen Garten bis zum Schlossgarten und dann weiter zur Einsteinstraße läuft. Dass er den Faden nicht mehr sieht, beunruhigt ihn etwas. (Wahrscheinlich ist er gerade da am schönsten, wo er ihn nicht sieht.) Zunächst hat er noch die Hoffnung, irgendwann einfach wieder auf ihn zu treffen. Als er sich aber schließlich eingesteht, dass er sich völlig verlaufen hat, lässt er sich den Weg zurück zum Schloss erklären. (Wehe, wenn das Ding bei Wiederauffindung einfach aussieht wie ein normales Stück Angelschnur.)

Filch kommt zum Aasee und läuft am Ufer entlang an der St. Antonius Kirche vorbei, aber bis er den Faden eindeutig wieder sieht, ist er bereits auf der Hammerstraße. Doch als er ihn sieht, ist es keine Frage, dass er noch einmal ein Stück zurückläuft, da er hier und um diese Tageszeit (zumindest heute) in umgekehrter Richtung einfach besser auszumachen ist. Er findet ihn zwischen Engel- und Von-Steuben-Straße und ist spätestens auf der Bahnhofsstraße vom lakonischen Humor des Fadens überzeugt. Er hat etwas Listiges, Subtiles, vornehm Egozentrisches. Fast am schönsten findet ihn Filch, als er ihn unerwartet niedrig über der Verkehrsinsel an der Eisenbahnstraße trifft: vorgebend, immer da gewesen zu sein.

Zu diesem Zeitpunkt hat Filch die Geschichte von den 197 Notaren und Anwälten schon fast ein halbes Dutzend Mal erzählt. Er fragt sich durch und verwickelt alle, die er trifft, zumindest geistig in das Thema Faden.

 

Als er schließlich, rund dreieinhalb Stunden nach seinem Aufbruch, wieder am Start- und Zielpunkt angekommen ist, erzählt ihm ein Ehepaar, das den Faden ebenfalls bewundert, die wohl schönste Faden-Konstruktions-Geschichte:

Wie der Faden mit Pfeil und Bogen von einer Winde zur nächsten geschossen worden ist. Vom Künstler selbst, fragt Filch. - Nein. Von einem sehr guten Schützen. Aber dann erwacht der Geschichtenerzähler in ihm, und er fragt ganz offen, ob es seinen beiden Gesprächspartnern lieber ist, dass für das Schießen ein versierter Schütze beauftragt wurde, oder ob sie es lieber gesehen hätten, wenn der Künstler sich - gemäß des uomo universale-Ideals der Renaissance - in einem Akt von method sculptering ein Dreiviertel Jahr auf das Schießen vorbereitet hätte, um es selbst zu machen? - Das fänden sie noch toller, gestehen beide. Aber es nimmt dem Faden nicht, nichts, NICHTS, dass es nicht so ist. Er schießt noch selbst ein Foto von sich am nämlichen Start- und Zielpunkt und versucht, beim Posen mit einzubeziehen, was er gestern beim Gespräch über die Philadelphia Story (Die Nacht vor der Hochzeit, 1940) gelernt hat. Er kommt sich allerdings mehr vor wie John Wayne am Ende von The Searchers (Der Schwarze Falke, 1956).

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