Miniaturen-Übersicht

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Ich wollte mich der Sciezka (das polnische Wort ist feminin und ich empfinde eine jede geschwungen fließende Wegstrecke als weibliche Erscheinung) im Sonnenschein nähern und wartete bis die Regenwochen verebbt waren. Eines Sonntags war es soweit, und ich schlenderte den Aasee entlang, um in der letzten Ecke den Freiheitsfaden aufzunehmen. Pawel Althamer wollte ja einen Weg aus der wohlgeordneten Stadt ins Blaue kreieren, wo der Spaziergänger seine Zielgerichtetheit abstreifen könne und dem Unbekannten entgegen komme.

Und so wählte er als Startpunkt eine Kreuzung zweier stark von Spaziergängern und Radfahrern beanspruchten Wege. Da ich im Katalog ein Foto mit grünem Weizenfeld sah, brauchte ich eine Weile, um zu verstehen, dass jene fußbreite Spur im Rasen die Skulptur von Althamer sei - das Feld wird wohl erst im weiteren Verlauf kommen. Ich schaute missmutig hin und traute mich letztendlich nicht, den sauberen Parkweg zu verlassen. Die matschige Sciezka zu begehen, würde einer Wattwanderung gleichkommen - Nein, danke; zurück in die Zivilisation. Anfang August sah die Welt ganz anders aus. Inzwischen hat mir Irene von ihrem traumhaften Abenteuer mit dem Pfad vorgeschwärmt und auch der Beggar Filch machte am Vortage weiche Augen bei der Erinnerung an seinen Spaziergang. Also - jetzt oder nie!

Ich stehe also wieder am Anfang und mache den Schritt auf den schmalen Pfad. Ich habe dabei den Eindruck, in einen anderen Raum zu treten. Die Erde unter meinen Füssen ist zwar trocken, aber sie gibt stark nach; das fühlt sich an wie das sprichwörtliche auf Wolken gehen. Herrlich!

Nach wenigen Minuten erscheint am rechten Horizont der Kirchenhügel von Guillaume Bijl (No. 26). Er ist stark frequentiert und das erinnert mich plötzlich an ein Bild aus Mexico. An einem bestimmten Festtag steigen Tausende Mexikaner auf die gewaltige Sonnenpyramide in Teotichuacan. Komisch, dass mir das Bild jener Postkarte nach 10 Jahren wieder eingefallen ist. Ich selbst erlebte ja jene Pyramide ohne Massenanlauf. Und unser Hügel ist auch nur eine Ameise im Vergleich zu dort.

Ich entziehe meine Aufmerksamkeit dem fernen Geschehen und klebe den Blick vor meine fleißigen Füße. Diesen Weg in die Freiheit haben Häftlinge aus der JVA in Münster ausgetreten - las ich gestern in der Museumszeitung. Freiwilliger Dienst für die Kunst. Als Dolmetscherin habe ich mehrmals unser Gefängnis von innen gesehen und kann mir gut vorstellen, dass man keine Mühe hatte, Freiwillige für einen Tag draußen zu finden. Wie sah das dann konkret aus? Und überhaupt - inwiefern und auf welche Weise hat der Künstler selbst den Pfadverlauf bestimmt?

Pawel Althamer hoffte allerdings auch, dass die Ausstellungsbesucher selbst die Möglichkeit wahrnehmen - wie das so im Falle ausgetretener Pfade sei - ihnen genehme Wegführung festzutreten, halt eigenen Weg zu realisieren. Wie verzweigt würde der Weg nach 100 Ausstellungstagen aussehen? Wie viel Freiheit nehmen wir in Anspruch? Manchmal denke ich, dass die Menschen lieber die Freiheit vermissen als ... finden. Es ist evident, dass Vertrautes - welcher Couleur auch immer - leichter zu handhaben ist.

Psss ... Nicht so viel nachdenken. Sonst verpasse ich gerade ein Beispiel vom Ausbruch ... - na ja, diese Gabelung scheint ihre Entstehung der Unwegsamkeit der matschigen Stelle zu verdanken, mehr Vermeidungsmanöver als Freiheitsdrang ...

Die grüne Wiese endet an der Sentrupper Straße, sciezka winkt mir aber von der anderen Seite zu, weiter geht‘s. Grün adé, karges Brachland bildet jetzt meine Kulisse. Und das bei 29 °C heute! Hoffentlich bleibt es nicht so bis zum Ende - huscht ein Jammerstimmchen durch den Kopf. Der Pfad ist jetzt über einen Meter breit und sehr fest unter meinen Füßen geworden. (Hat es hier nicht geregnet ..!?!) Dann überquere ich ein Stück nicht abgemähten Weizenfeldes; das Getreide ist aschgrau, alle Ähren regelrecht umgeknickt - trauriger Anblick.

Hinter mir höre ich Stimmen. Ein Paar nähert sich schnell, ich trete einen Schritt zur Seite, um den Weg frei zu geben. Sie gehen an mir vorbei ... ohne mich wahrgenommen zu haben. Kein Wunder, sie stecken tief im Gestern und kauen an einem empörenden Vorfall im Büro

 

Der Pfad verlässt das große Feld und wird zur sciezka, die in einen Wald flüchtet. Das frische Grün und der Schatten der Bäume laden zur Pause ein - ich bleibe am Rande stehen und bewundere die feinen Blüten orchideenhafter Wiesenblumen. Auch eine prächtige Brennnessel verneigt sich bei jedem Windhauch vor ihrer Schönheit.

 

(Wer hier auch eine Pause ihrem Leseauge gönnen möchte, schaue sich bitte eine Blüte an. Mein Fotoapparat hat sie für Filch 'gepflückt' - als Dank für die Anregung vom Vortag ...)

Weiter geht‘s. Sciezka streift nur den kleinen Wald am Rande und ich gehe wieder durch grüne Wiesen. Recht plötzlich taucht die Brücke über einen schmalen, fast zugewachsenen Wasserlauf auf. Irene erwähnte die 'wunderschöne‘ Brücke und nun muss ich über mich lachen. Ihre Worte haben in mir eine Vorstellung bewirkt, der Künstler würde - der Verfremdung wegen oder so - eine Romanze aus einem englischen oder chinesischen Garten nachempfunden haben. Und nu stehe ich vor einem 'Behelfsbauwerk‘ aus Sperrmüllhölzern und es wirkt tatsächlich romantisch. Ich überquere langsam die Brücke und bestaune die filigrane Konstruktion. Dieser Althamer hat echt Fantasie ...

Etwas kommt mir aber unstimmig bei dem Bild vor, aber was? Und plötzlich kommt das Wissen wie geschossen. Diese Brücke hat zwei Naturen - eine Art 'Filch-Brücke'. Althamer wollte eine 'improvisierte‘, naturnahe Erscheinung haben, OK. Aber wir sind hier in Deutschland. Und mag die Kunst wünschen, was sie will, das Sicherheitsdenken wird hier sein Tribut einziehen. Garantiert!

Mein Kopf ist stolz auf seine Entdeckung und braucht Beweise; ich kämpfe mich durch das meterhohe Grün ans Ufer heran, um den Blick nach unten zu erhaschen. Mit meinem bodenlangen Sommerkleid riskiere ich natürlich, dass ich gleich im Wasser lande, aber so weit kommt es dann doch nicht. Triumphgefühle begrüßen den Anblick von zwei 10x30cm dicken Tragebalken aus einwandfreiem Holz, die sich unter allerlei Holzabfall verbergen. Für mein großes Verandadach zu Hause waren schon 6x10cm genug. Alles klar - diese Brücke gibt vor, ein unbeholfener Steg zu sein, sie würde aber auch einen Lkw gelassen tragen, wenn er bloß schlank daherkäme.

Es kommen zwei Radfahrer angefahren. Auf der Brücke verlangsamen sie ein wenig, weil sie so schmal ist, aber sonst ... Sie passieren sie ohne einen Anflug von Bedenken, dass der simpel gebastelte Steg das Gewicht von zwei stark gebauten Körpern samt Fahrrädern nicht tragen könne. Ihr Vertrauen ist balkenfest! Sie sprechen einwandfreies Deutsch.

Nun aber weiter. Von der Brücke geht es noch ein kurzes Stück über die Wiese hinauf zu einer weiten Feldwüste. Die Erde hier hat ihr Werk in diesem Jahr schon getan. Jetzt erholt sie sich 'ne Weile. Was hat sie großgezogen? Wahrscheinlich war das jenes Weizenfeld vom Katalog.

Der Weg windet sich jetzt 'unsinnig‘ durch die Leere hindurch.

In der Zeitung las ich, dass sciezka mitten in den Feldern enden würde. So war es vielleicht am Anfang. Anfang August führt die letzte Bahnstrecke schnurstracks zur Straße am Feldrand.

Die dichte Mais-Mauer dahinter hat niemand versucht durchzubrechen. Ich will auch nicht und kehre um.

 

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