Miniaturen-Übersicht

21

Der kleine SPM07-Katalog lockte zum Werk von Suchan Kinoshita mit der Ankündigung, dass die japanische Künstlerin eine besondere Art der Stillen Post aufleben lasse. (Die englische Sprache nennt jenes Kinderspiel: Chinese whispers, Franzosen sagen: téléphone d’arabe, im Polnisches ist es ein taubes Telefon.) Für ihre Lauschrunde erwählte Kinoshita den kleinen Ausstellungsraum der Handwerker in Aaseenähe. Nichts wie hin - dachte ich sofort und wartete, bis der münsterische Regen müde wurde, damit ich eine Tour zu den Werken am See anschließen könne.

Nach langer Eingangsuche, die mich in eine verwunschene Hinterhofecke des verwinkelten Gebäudekomplexes führte, betrat ich eine unschuldsweiße Kammer - rundum mit schalldämmenden Holzplatten vertäfelt, bis auf ihre verglaste Frontwand gegenüber, die sich hinter weißen Jalousielammellen versteckt hielt.

Oase der Stille und Geborgenheit. Das Leben draußen ist kaum noch zu vernehmen. Und das mitten in der Stadt, direkt an einer der Hauptverkehrsadern, unglaublich. Ein Augenblick zum Innehalten und ... für feine Geräuschskala sensibel werden.

Dann fängt ein aus der Wand herausragender Kopf (die Lautsprecher erinnerten mich an Köpfe der Fechtsportler mit Gesichtsschutz) zu flüstern an. Ein anderer nimmt das Gesagte auf und spinnt die Story einen Satz weiter. Der dritte Flüsterer wiederholt den ganzen Sachverhalt mit eigenen Worten. Der vierte schafft neuen Sinn, indem er die Wortfolge verändert, ein fünfter stottert sich mühsam in ziemlichen Unsinn hinein. Während der erste wieder über schlimme Kopfschmerzen und seine Folter durch das Klavierstimmen nebenan stöhnt, zischen zwei Stimmen gleichzeitig dazwischen, mit Reflexionen über Schuberts Musik. Und so weiter und sofort. Inzwischen öffnet die elektrisch betriebene Jalousie ihre Lider und wir (inzwischen zu dritt) werden sehend. Der im Ampelrhythmus pulsierende Autostrom direkt hinterm Fenster wirkt wie Nahaufnahme eines Stummfilms. Die Tonspur im Raum nimmt natürlich keine Rücksicht auf das Bild und arbeitet beharrlich daran, ihr eigenes Bild in unseren Köpfen zu basteln.

Einer der Mitlauscher langweilt sich inzwischen, er greift nach den Kopfhörern mit englischer Tonspur für ausländische Besucher. Sein Stolz auf diese Sprachkompetenz blüht regelrecht auf, er nickt immer wieder als Zeichen, dass er dem Inhalt folgt und plötzlich lacht er hämisch: Pfusch! Die (Frau) sagte: 'In the door next room‘. Das muss aber umgekehrt. Die Kopfhörer fliegen auf den Sitz, der Mann verlässt den Raum vollkommen sicher, dass er nun wisse, worauf das Kunstwerk beruhe. Zeit für nächste Kunst.

Die andere Besucherin hört noch bis zum Ende der weiteren Runde zu. Dann bleibe ich wieder allein, froh dass ich in Münster wohne und nicht alle Kunstwerke an einem Tag besichtigen müsse. Wenn ich nach Kassel zur dokumenta fahre, wird mir solche Ruhe gewiss verwehrt bleiben.

Die Stimmen im Raum wurden nach sehr unterschiedlichen Mustern zusammengewebt; dem klassischen Reihumflüstern der Stillen Post setzt die Spießbürger-Story ein Denkmal. Die gönne ich auch meinen Lesern:

Dieses Kunstwerk gewann mein Herz und schaffte es unter die 5 Schönsten der Ausstellung. Ich war bereits zweimal drin und wurde nicht müd‘. Ein weiteres Mal ist nicht ausgeschlossen. Nicht der Stories wegen. Die Stimmung im Raum fasziniert mich immer wieder frisch; der sonderbare Klang der Flüsterstimmen, die ursprünglich nur für den intimen Raum zwischen einem Mund und einem nahen Ohr bestimmt waren und nun den ganzen Raum durchdringen. (Die englische Aufnahme erfolgte mit normaler Sprechstimme und verfehlte jene Stille-Post-Wirkung komplett).

* * *

Bei meinem zweiten Besuch (Sonntag Vormittag) wurden in den Pausen zwischen der Flüsterrunden Geräusche von draußen eingefangen und über Verstärker nach innen geholt. Der Film von draußen durfte also seine Tonspur präsentieren: die Autos schienen nunmehr an meinen Füssen vorbeizufahren - schön war es, als sie dann wieder in den Stummfilm wechselten. Besonders faszinierend fand ich aber den Augenblick, als in der Baumkrone vor dem Fenster - gut 7 Meter von mir entfernt - ein Taubenpärchen seinen Balztanz feierte und ich den Wind in ihren wirbelnden Schwingen und das Rascheln der mitgerissenen Blätter hörte. Als wenn meine Ohren im Blattwerk dort draußen installiert wären, sonderbarer Eindruck. Ich sah sie dort und hörte hier. Hm ... Tauben - einstige Post-Kuriere - im Dienste der Kunst, die gerade 'Stille Post' zum neuen Spiegel des menschliches Kommunizierens werden lässt.

 

20 <<< _____Miniaturen-Übersicht______ >>> 22