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09 Den Caravan von Michael Asher müsste ich eigentlich von der Ausstellung 1997 kennen - entdeckte ich in der Archiv-Ausstellung der Landesmuseums, wo ich Fotos von seinen Aufstellungsplätzen sah, die seit 1977 immer die selben waren, und meine direkte Wohngegend mit von der Partie ist. Aufgefallen ist er mir damals nicht. Wie auch den meisten Menschen. Man schaute höchstens hin, weil man das längst unübliche Format aus der Nähe betrachten mochte - ein Campinganhänger in der Größe eines engen Ehebettes erscheint uns heute wie eine Puppenstube auf dem Trödelmarkt. Aber wie gesagt, die Anzahl der Passanten, die das seit 30 Jahren auftauchende 'Kunstwerk von Asher' eines Blickes gewürdigt hatten, dürfte im Promillebereich gelegen haben. Zeit für Neues in diesem Bereich - hat sich wohl das Leben gedacht und lockte jemanden, der den Kasten kurzerhand an sein Auto koppelte und damit ins Grüne bei Telgte fuhr. Vielleicht wollte er ein Waldhäuschen für sommerliche Sonntage haben, vielleicht einen Jägerstand, vielleicht ... weiß Gott, was sich derjenige ausbedungen hatte. Die Öffentlichkeit glaubt aber, dass ein Kunstwerkdieb darauf bedacht wäre, seine Beute vor aller Welt Augen zu verstecken, und nicht im jedermann zugänglichen Wäldchen abstellen würde. Zeit für den Medienaufschrei über den 'Entführungsfall eines bedeutenden Kunstwerkes der Moderne’ gab es nicht viel, grad einen Tag. Am schönsten war die Story, dass der Wohnwagen von dem homless Beggar (Skulptur Nr. 06) geklaut worden sei. Am nächsten Morgen standen aber schon in jeder Zeitung Fotos von der Rückführung des Veteranen aus dem Walde. (Ob er froh war? Oder wehmütig, weil ihm seine ursprüngliche Funktion wieder geklaut wurde. Jetzt durfte er nicht mal in die Stadt zurück rollen; wie ein kostbares Porzellan-Ei wurde er auf einem Lader transportiert. So ein Pech - mag er sich jetzt denken, mitten im Stadtverkehr und Medienrummel.) Nun ist es offensichtlich ein für allemal vorbei für ihn, ein unscheinbarer Caravan zu sein. Über Nacht ist er der Caravan geworden. Nicht nur er selbst trat ins Gewahrsein vieler Stadtbürger, er verhalf auch der ganzen Skulpturenausstellung zu mehr Präsenz im letzten Kopf außerhalb des Kunstbereiches. Es würde mich nicht wundern, wenn dem Caravan die Karriere der Mona Lisa drohen würde, die einst aus dem Louvre geraubt werden musste, um in jeder Ecke auf dem Planeten bekannt zu werden; vorher fristete sie ein 0-8-15-Museumsdasein. Wenn Sie jetzt denken, dass mein Foto oben zeigt, wie sehr nunmehr auf das Kunstwerk aufgepasst wird, so muss ich Sie enttäuschen; die starke Polizeipräsenz hat mit dem Caravan nicht das Geringste zu tun; die Streifenwagen parken halt vor der Polizeiwache, in deren Nähe das Kunstwerk gerade stand. Es war 10 Tage vor dem 'Ausbruch ins Freie’. (Das suggeriert natürlich nicht, dass der kostbare Wohnwagen weiterhin unbewachtes Leben führen dürfe. Aber die Aufpasseraufgabe wird bestimmt von der unsichtbaren Technik bewältigt. Und von den Argusaugen der Stadtbewohner - selbst eine planmäßige Umstellung der 'Skulptur’ innerhalb der Stadt wird ohne Polizeieskorte kaum gelingen dürfen - denk' ich. ) | ||
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Zurück zur Kunst ... Als ich also den Anhänger am Kiffe-Pavillon - sorry - am Karstadt-Sport-Pavillon zufällig entdeckte - schaute ich mir das niedliche Kästchen ohne jeden Kitzel der Sensation an. In der Muße des Augenblicks war genug Raum für Reflexion über den Abstand zur Ästhetik seiner Entstehungsstunde. Und über die ewig offene Frage danach, was Kunst ausmache. Die meisten erwarten von der Kunst, dass sie etwas Neues kreiere, oder zumindest eine neue Sichtweise des Vertrauten ermögliche. Also Asher kommt hier dieser Erwartung bestimmt nicht entgegen. Er möchte mit Hilfe des beständigen Objekts auf den kreativen Zeitfluss dessen Umgebung aufmerksam machen. Eine Stadt ist nicht, sie verwandle sich permanent. Ashers Kunst erfüllt sich sozusagen in der Einladungsart, Bestehendes im Kontext der Erinnerung anzuschauen, um das Bewusstsein der steten Veränderlichkeit des Lebens zu stärken. Freilich, dieses Ziel des Künstlers erfüllt sich hauptsächlich bei Einheimischen, vorzugsweise beim Blättern durch die Fotochronikseiten des großen Ausstellungskatalogs ... Ich gebe zu, es war mein Wissensvorschub - gewonnen in der Archiv-Schau - der mich in die vom Künstler gewünschte Betrachtungsrichtung lenkte. Und natürlich die Erinnerung an meine 29 Jahre in Münster. Wie sah die jetzige Umgebung vor 10, 20 Jahren aus? Polizei und das Sozialgericht sind 'ewig’ - klar. Die geschwungene Fassade und der Name des Kiffe-Pavillons scheinen dem Zeitfluss getrotzt zu haben, aber das Innere füllen keine Opels mehr - der Händler residiert seit langem woanders. Statt potenzieller Autofahrer bevölkern jetzt das Haus Leut’, die ihren Körper markengerecht in Schwung halten wollen. Damit ist es dem Bau besser ergangen als dem abgerissenen Haus dahinter. Und die Westkulisse mit der modernen Stadtbücherei? Seit wann gibt’s sie eigentlich? Über 10 Jahre bestimmt ... Elisabeth hat als Ingenieurin an seinem Bau gewirkt, die kam vor ... 20 Jahren nach Deutschland; also irgendwo dazwischen. Und wie sah es hier ohne die Bücherei aus? Ich kann mich überhaupt nicht mehr daran erinnern. Später zu Hause werde ich natürlich im schweren Hauptkatalog nachschlagen; Ach, so war das? Ja klar! Wie schnell vergessen ... (Fahren Sie mit der Maus über das letzte Foto, wenn Sie die einstige Ansicht sehen wollen.) * * * * * P.S. für Nienberger Patrioten ... Da stand er wieder und machte deutlich, dass hier die Uhren der Veränderung viel langsamer gehen als im geschäftigen Stadtzentrum.
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