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06

Die Nummer 06 auf dem Stadtplan blieb zunächst abseits meiner Wege durch die Ausstellung. Es lag am Kommentar im Katalog, welches keine großen Hoffnungen machte, dass ich etwas zu sehen bekomme. Die Künstlerin, Dora Garcia präsentiere in Münster ein improvisiertes Straßentheater, ohne festgelegte Spielzeit und ohne Bühnenanschrift; die Aktion laufe überall ... Fiktive Welt tauche in den realen Alltag ein und verwische Grenzen zwischen 'echt' und 'fiktiv, zwischen 'lebendig' und 'nur gespielt'. Interessant ausgedacht ...

Ich brannte aber zunächst darauf, die 'Skulpturen' zu sehen und ließ außer Acht Garcias The Beggar‘s Opera - einen 'Story-Auszug' mit Filch, dem von der Dreigroschenoper ausgeliehenen Bettler, der nun durch Münster ziehe und wenn 'man Glück habe‘ einen ins Gespräch einlade/verwickele. So viele Exponate warteten brav auf ihrem Platz auf die Begegnung mit mir ...

Dieser Bericht kann also nicht viele Fotos bieten, weil es keine Adresse gab, wo sie gemacht werden konnten. Es gab allerdings eine Internetadresse zum Nachlesen ...

Die Performance war inzwischen drei Wochen im Gange, als ich abends die Bettler-Adresse in den Browser eingab und den englischsprachigen Filch-Bericht über den Vortag las. Das Interesse zündete wie Benzin über Grillkohle. Die Texte waren oft garniert mit Fotos und Videoschnipseln. Nun wollte ich Filchs Begegnung mit Münster von Anfang an nachvollziehen; schön der Reihe nach.

Die Lektüre genoss ich über alle Maße. Meine Nacht musste da kurz treten - ich versank in den vergangenen Ausstellungstagen und dachte nicht an den lauernden Wecker. Es war lebendige Literatur, wie ich sie liebe. Trotz leichter Widersprüche im Text und Sprünge im Stil, die den Schreiberwechsel markierten. Die wöchentlich wechselnden Darsteller der Filchrolle hatten wohl wenig Zeit für die Lektüre der Kollegentage. Aber der Geist des Projekts scheint alle Ungereimtheiten einen zu können. Nach und nach lernte ich langsam die unterschiedlichen Schreibfedern zu unterscheiden (zwei von ihnen waren des Deutschen mächtig; ihre Texte waren aber immer von einer Zusammenfassung auf Englisch begleitet, damit das internationale Publikum der Oper mitkomme).

Das Tagebuch wird ungewöhnlicherweise nicht von dem Bettler-Ich verfasst, es erzählt über ihn - allerdings mit genauester Kenntnis seiner Gedanken und Gefühle. Der urklassische Narrator bleibt aber nicht ganz im Schatten - oh nein (und Gott sei Dank!). Er ist sehr präsent in ... wie soll ich‘s sagen - in der Aura des Beschriebenen. Damit ist der Sprachstil und das Durchschimmern der Kulturbeflissenheit gemeint, die einem Bettler nicht unbedingt zur Verfügung stehen, und noch etwas ganz Feines, das ich gar nicht benennen, wohl aber in den Zeilen genießen kann.

Zum Beispiel - das kurzweilige Aufflackern des Schauspieler-Erzählers, welcher erzählt, wie er die Filchrolle spielt, wird kontrastiert durch Filch-Gedanken, wie er mit seinen Darstellern zu recht kommen würde. Herrlich, herrlich. Wie schön wäre es, den Bettler mal wirklich zu treffen! Wie würde sich das Gespräch mit einer fiktiven Persönlichkeit anfühlen? Wie viel von dem Tagebuch-Filch wäre da zu finden?

Oder ... lebt das Tagebuch ein eigenständiges Leben und hat mit dem Straßengeschehen gar nichts gemein? Man wisse ja nie bei den modernen Künstlern, wo sie überall gegen meine Erwartungen ausholen ... Die Fotos unter den Tagebucheinträgen sollen vielleicht nur die Täuschung verschleiern? - Da gibt‘s nur eins - eintauchen und sehen.

Leicht gesagt - die momentane Berufstätigkeit außerhalb von Münster ließ mir nur das Wochenende für das Abenteuer übrig. Der erste Versuch scheiterte; Filch hatte offensichtlich andere Pläne, mir wollte er nicht begegnen. Oder aber - man sollte ehrlich bleiben - ich gab ihm zu wenig Zeit, als ich nach dem heißen Tag erst gegen 7 Uhr abends die Altstadt durchstreifte? Wie dem auch sei - es blieb also weiterhin bei der Internet-Lektüre.

Doch noch ein Foto ... Wie kam's? Eines Tages las ich über die von Filch im spontanen Akt gezeichneten Kohlezeichnungen, die er zu verkaufen gedachte. Es handelte sich in jener Woche um den Filch von Samir Kandil. Seine Werke hat er natürlich fotografiert und im Internet präsentiert. Drei davon sprachen mich an. Eines verstrahlte viel Weichheit. Auf dem zweiten war ein schmerzverzogenes Gesicht zu sehen, auf dem dritten war die offizielle Nummer 06 abgebildet. Bei der letzten Zeichnung hatte ich den Eindruck zu wissen, wie der Augenblick ihrer Geburt beschaffen war - wie wenn ich dabei gewesen wäre. Als ich dann las, dass jenes Bild den Titel Der Beweis und die Ausrede bekam, lachte ich schallend über den genialen Ausdruck für Filchs 'Personalausweis' und meldete umgehend (über den Blogg vom 17.07.07), dass ich das Bild erwerben möchte. Drei Tage später war der Deal perfekt. Wir trafen uns abends am Goldenen Käfig und vollzogen den Tausch. Filch bekam seine 20 Euro, ein von mir gemaltes Minibild, das ich auf die Schnelle Münsterischer Regen oder so getauft hatte und ... 7 Bonbons. Damit der Bettler für den Handel mit Touristen etwas über sich selbst habe, kopierte ich nämlich den Filch-Text vom 07.07.07 - wo die Filch-Rolle erläutert wird - auf schmale Papierstreifen, die ich eingerollt und in Zellophan verpackt habe. - So. Dies über den Tauschakt.

Was die Begegnung mit Filch angeht ... da erlebte ich eine böse Überraschung. Ich war absolut nicht fähig, mich mit einem fiktiven Charakter zu unterhalten. (Oder lag es an meinem Wissen aus dem Internet, dass Samir Kandil ein scharfzüngiger Kabarettist sei? - Nicht ausgeschlossen.) Mochte der Schauspieler noch so strahlend lächeln und scheue Schüchternheit vorgeben, ich war innerlich erstarrt und wollte nur noch fliehen. Gott sei Dank war Filchs Terminkalender voll und der Schauspieler machte keinerlei Anstalten, die Übergabe-Szene über das Zeitmaß auszudehnen, das für ein Internetfoto benötigt werde.

Wieso konnte ich da nicht mitspielen? - staunte ich unterwegs nach Hause. Täglich spiele ich im Unterricht allerlei Situationen, Menschenhaltungen und Emotionen vor, was viel effizienter als jede Erklärung oder Wörterbuchstudium sei und obendrauf die Kursteilnehmer begeistert - und hier war ich nicht fähig, entspannt zu gucken, was gespielt werden möchte.

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An einem anderen Wochenende ging ich zur offiziellen Besuchszeit (täglich 11-13 Uhr) an den Spiekerhof, um einem anderen Filch-Darsteller zu begegnen. Mal sehen, wie sich das mit ihm anfühle ...

Pustekuchen. Sein Platz am Spiekerhof (vor dem Marccain-Geschäft) blieb leer; Jan Mech streikte an diesem Tag. Er tauchte in die Anonymität des Publikums im Kiepenkerl-Restaurant und schaute sich an, wie seine Besucher in die Röhre gucken. Das erfuhr ich freilich erst später aus dem Tagebuch und beim Lesen fühlte ich mich sehr unwohl. Da dachte ich: Sollen die noch so viel jammern über die lange Zeit ohne Filchs-Interessierte, ich bleibe nur noch bei der Lektüre.

Vonwegen. Bald fällt es mir ein, dass ich doch ein Foto von einem der öffentlichen Treffen mit Filchs-Darstellern im Metropolis für meinen Internetbericht gebrauchen könnte.

Wenige Tage später sehe ich also den Flüchtling doch noch in persona. Und ... er macht einen sehr guten Eindruck! So natürlich. So menschlich. So gestanden, obwohl ihm neben gescheiten auch Unmengen blöder Fragen aus dem Publikum entgegen schmettern. Nach dem Bühnenauftritt wendet er sich an die neben mir sitzende ältere Dame, die mehrmals das Fragenniveau zu retten versuchte, und bedankt sich bescheiden für ihre Mitwirkung - Great!

Ich schleiche mich mit einer Frage an ihn heran, während er sich mit anderen Besucherinnen über ihre Begegnung am Spiekerhof austauscht und spüre, dass ich doch nicht frei bin. Ob es mir gefällt oder nicht, mein Groll wegen Samstag blockiert mich total.

- OK. Foto machen und ab nach Hause. Höchste Zeit mit meinem Internetbericht über die Skulpturenprojekte anzufangen. So viele Eindrücke ...

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Ein sonniger Samstag (04.08.) lockt mich mit Fotoapparat ins Zentrum; für die Nummern 05, 07 und 10 brauche ich noch unbedingt Fotos. Als ich dann am Spiekerhof vorbeigehe, sehe ich den Bettler-Trolley am offiziellen Platz harren und Filch ... einsam unter den Arkaden um die Ecke hocken. Diesmal ist es Peter Aers - sein Gesicht war ja oft genug im Internet, um ihn zu erkennen. So unscheinbar heute. So ... als wenn ihm Münster ungemütlich erschiene - denke ich mir und plötzlich hocke ich mich neben ihn. Ein scheuer (oder verstörter?) Blick erfasst mein Gesicht ... dann lässt sich Filch auf das Gespräch mit der Aufdringlichen ein. Mein bescheidenes Englisch feiert seine große Premiere und der belgische Schauspieler gönnt ihm den Raum. Er meint, dass sein Deutsch nicht besser wäre, also ... Ich erzähle ihm von meinen Schwierigkeiten, mit einem Theatercharakter in Kontakt zu treten. Ich könne mich vielleicht nur mit 'wirklichen Menschenrollen' austauschen. Er respektiert das und schafft einen neutralen Raum, wo Rollen nicht so klar definiert sind. Mein Gegenüber öffnet all seine Ohren (und er hat viele) und lässt mich reden, reden, reden. Das offene Zuhören ruft in mir den Fluss der Leichtigkeit des Seins herbei, die seine Ohren offenbar berührt. Ich weiß natürlich nicht, welche Worte seinen Fragen zusingen. Um ehrlich zu sein - Alina lässt sich von dem Fluss treiben und schert sich um keine Reflexion über das Geschehen. Das Leben ist so leicht! Eine hauchdünne schillernde Seifenblase, eine zeitgeborene Fiktion, die gerade in einer helleren Zone der Erfahrung schwebt. Innerhalb der Blase wird über 'Gott und die Welt' gesprochen. Lange. Bis Filchs Dienstzeit am Spiekerhof vorbei ist und wir uns bis zum Bühnenabend im Metropolis nächste Woche verabschieden.

Beschwingt ziehe ich weiter durch die Stadt, um meine Fotoliste abzuhacken und lande dann am Computer - der Unterwegsbericht sollte bald fertig werden.

Am nächsten Tag lese ich im Filchs Bericht, dass er ein Geschenk für mich vorbereitet habe - eine Visitenkarte, kalligrafiert im Filchs Auftrag von einem anderen fiktiven Charakter (beim Hammer Straßenfest zu Gast). Ich hole sie mir natürlich an einem freien Vormittag ab und will dann auch eine Tuschezeichnung von Filch erwerben. Da heißt es aber, ich solle mir Zeit nehmen und das Bild mal später mit einer kleinen Geschichte bezahlen.

Ich beschließe, mich der Sache an einem Wochenende anzunehmen, als aber die Seele nachmittags beim Kaffeeschlürfen auf meiner Veranda in den Wolken baumelt, vernehme ich - mir nichts dir nichts - feinen Tipp von innen: Mexico, deine Straßen-Perle. Der überraschte Verstand braucht noch 2-3 Sekunden, um den Wink als solchen zu identifizieren und seine Absicht nachzuvollziehen. Stimmt! Die Begegnung mit der kleinen Bettlerin. Ideal, um Schulden bei Filch zu begleichen.

Da ich die ganze Woche nicht ins Zentrum fahren kann, wird die Geschichte im Blogg (unterhalb des Tagesberichts) an den Empfänger gelangen. Hoffentlich findet er jemanden, der ihm die Zeilen ins Englische übersetzt ...

* * * * *

8. August - Filchs Auftritt im Metropolis. Ich lande da direkt von der Arbeit und habe noch halbe Stunde Zeit für herrlichen Milchkaffee im Draußen-Café unten und später für die Beobachtung des Publikums. Zunächst sieht es so aus, als ob sich nicht viele die Begegnung mit englischsprachigem Filch zumuten würden, die vielen Hocker blieben bis 17 Uhr fast leer. Es liegt aber nur daran, dass viele Interessierte noch arbeiten. Bis halb sechs wird der Saal noch schön voll werden. (Aufgepasst! - der Blitz beim Fotografieren der schönen rot-grauen Melange im Zuschauerraum erfasste zufällig auch die Autorin der Beggar‘s Opera - Dora Garcia, die jene Begegnungen mit der Videokamera aufnimmt.)

 

Mit etwas Verspätung beginnt Filch über seine Erfahrungen auf münsterschen Straßen zu erzählen. Sein Darsteller wirkt mal vorsichtig, wohl abwägend, dann wieder souverän, ab und zu sogar ausgelassen. Da sein Publikum sich kaum zu Wort meldet (wer möchte sich schon mit seinem Englisch im Garcias Film verewigen) füllt der Schauspieler den ganzen Raum mit der Filchrolle. Die Darbietung entlang der sorgfältig vorbereiteten Stichwortnotizen erfasst verschiedene Themenbereiche und Abenteuer mit seinen Straßengästen, die auf der Bühne nachgespielt werden. Das meiste davon hatte schon seine Premiere im Internet, aber hier auf der Bühne werden nun die Fäden der drei Darsteller dichter zusammengewebt; die Filch-Story gewinnt an Homogenität. Nun weiß ich, warum sich die Bettler-Akteure vor dem Bühnenauftritt für 1,5 Tage aus dem Straßengeschehen zurückziehen - sie müssen doch immer mehr Erlebnisse und Reflexionen ihrer Kollegen verinnerlichen.)

 

Als der Bettler auf Wunsch aus dem Publikum den Inhalt seines Trolleys offen legt, wird die Interaktion mit den Zuschauern viel lebendiger.

Es wird gehandelt und gelacht, immer wieder gelacht. Filchs heller Aufruhr, einen Personalausweis erworben zu haben, erheitert den ganzen Saal; endlich habe der fiktive Charakter ohne Vorname und Adresse eine identity card, das Leben müsse nun viel leichter werden. Dass Filch nunmehr Elena heiße und einen festen Freund in 'seiner' Wohnung antreffen werde, scheint keine Probleme aufzuwerfen.

Bevor ich Metropolis verlasse, gebe ich Peter den weißen Zone-Faden von Wallinger. Ich bin gespannt, was er daraus spinnen wird.

Unterwegs nach Hause spekuliert mein Kopf, wieso ich mich auf das 'Opera-Spiel' nicht einlasse, mich auf die 'wirklichen' Rollen festlege ... - ich lauschte dem Geschehen, lachte mit anderen und bin doch nur sekundenweise ins Theaterstück selbst versunken. Eine ungreifbare Barriere hielt mich auf Distanz zur Fiktion des Filchs. Die Alina-Rolle in dieser Welt scheint im Frequenzbereich zu schwingen, der mit dem einer Theaterrolle nicht kompatibel sei. Und die Tatsache, dass Alina plötzlich in eine Statistenrolle in Dora Garcias Oper geraten ist, ändert nichts an meiner Wahrnehmung der Trennung.

Was macht eigentlich den Unterschied zwischen unseren Rollen aus ..? Weder Ort-, noch Zeitkomponente, noch das Kostüm der CV-Story. Nun, der Filch-Darsteller kennt persönlich jene Instanz, die die Rahmenbedingungen für seine Existenz abgesteckt hat - Dora Garcia. Bei Alina ist das nicht so greifbar. Moment mal! Stopp! Genug ... Alina ist trotz ihrer Statistenrolle keineswegs zum Thema der skulpturen projekte münster 07 geworden. Also zurück zum wirklichen Themafaden dieses Berichtes ...

 

Fiktiver Charakter hin, die Filch-Rolle her... Auch wenn ich trotz anderer Pläne immer nur den jeweiligen Schauspieler ansprach und ihn mehr oder weniger bei der Rollenausübung störte, genoss ich es aufrichtig, die drei Filcherscheinungen in deren Alltag zu begleiten - zumeist im Internet, klar. Drei? Ja, denn ohne fixierten Rollentext, eine einheitliche Maske und Didaskalia war es natürlich, dass die spontan gespielte/gelebte Rolle bei jedem Schauspieler etwas anders ausfiel. Wenn eine jede Bach-, Chopin- oder Shakespeare-Darbietung eigene Farbe habe, erwarte ich auch von dem 'dreifach vorgelebten Filch' nicht, dass er aus einem Guss sei. Wie sah ich also die drei...

Kandil-Filch war eine temperamentvolle Gestalt. Ein Feuerwerk überraschender Ideen, die rasand umgesetzt werden wollten. Dazu standen dem Bettler viele Talente seines Darstellers zur Verfügung (stets wacher Humorsinn, feinsinnige Beobachtunsgabe, dichterisch ausgereifte Schreibfeder, Musikalität nebst Sängertalent etc.). Das bewirkte, dass mir Filch als ein Wesen nicht von dieser Welt erschien. Oder haben Sie schon viele Beggars getroffen, die Ihnen anboten, ausgefeilte Liebesbriefe oder Sonaten für gewünschte Anlässe zu verfassen? Die Lieder komponieren und im Tonstudio mit dem passenden Beatset auftauchen? Wer das alles beherrsche und soviel Freude bei der Umsetzung seiner Ideen habe, würde niemals unter der Brücke landen - meldete meine Verwunderung. Ich war bestürzt und doch gefesselt von dem brillanten Schauspiel. Mein Kopf hatte damit immer wieder Probleme. Die Kollision mit seiner Vorstellung vom Lebensrahmen eines Bettlers führte ihn zum Ergebnis: dieser Charakter wäre unwirklich ... echt fiktiv. - Nun, wenn auch ... Es war herrlich, dem Theaterstück beizuwohnen.

 

Filch von Jan Mech startete als Bettler der konkreten Tat. Das etwas teutonisch anmutende Mannsbild spielte die Karte eines Kindsriesen mit einfachem Gemüt aus. Dies bedeutet keinesfalls, dass dieser Filch mit einer Gitarre und zwei Songs im Gepäck immer lebensbejahend durch die Oper schlenderte - es gab Raum für allerlei Sentiments und Erlebnisse 'eines kleinen Mannes', dem weite Horizonte einfach unbekannt geblieben waren. Zwischen stillem Schmachten nach Familiengründung mit Constanze und den Protestaktionen gegen die Stadtoberen, (wegen der Skulptur 01) war viel Raum für ein bodenständiges Bettlerleben, das meine Erwartungen an den 'Beruf' kaum tangierte. Kein Wunder also, dass mir Mech-Filch sehr natürlich, sehr aufrichtig, eben wirklichkeitsnah ... also real erschien. Seine Story mit der dokumenta in Kassel gestaltete Mech zum Finale der Extraklasse aus. Dieses Motiv innerhalb der Bettler-Oper wird wahrscheinlich jedes 'Ohr' für sich gewinnen. (Bevor Sie den Bericht darüber vom 6. September lesen, sollten Sie Mech-Filchs zweiten Tag in Münster /1. Juli/ nicht verpassen!)

 

Filch von Peter Aers war von poetischer Natur - noch ein Kleiner Prinz auf der Suche nach Menschlichkeit. Halt ein Träumer. Von viel Stille umhüllt wollte dieser zierliche Mann sein Geld mit Zuhören verdienen! Beide Arme streckte er nach Geschichtchen von Besuchern der Skulptur 06 und war so glücklich, wenn ihm jemand eine Story darbrachte, dass er den monetarischen Aspekt oft vergaß. Das ging soweit, dass er Gästen, die keine Geschichte erzählen konnten (aus rein taktischen Gründen behaupteten sie, dass sie nicht wollten), eigene Geschichten zum halben Preis erzählen wollte. Vom Businessgeschick zeugt das nicht. Wie auch viele andere Versuche, Geld zu verdienen. Fantastische Ideen flogen ihm nur so zu ... (Erbpacht für eine Straßenlaterne, ungebetene Beaufsichtigung fremder Fahrräder, Anvertrauen eines Geheimnisses etc.) und führten den Schöngeist in kurze Sackgassen. Es erscheint wenig wahrscheinlich, dass er bis Ende September anders wird. Fazit: schöne Fiktion. So ein Filch gehört der Literatur an, nicht der rauen Straße; ohne Sozialamt wäre so ein Bettler nicht überlebensfähig ;-)

Das Finale dieses Theaterstücks steht noch aus; ich bin sehr gespannt, wie ihn Peter Aers meistert. Eine Kostprobe seiner Regie-Kunst hat er beim Entwurf für seine Begegnung mit unserem Bundespräsidenten geboten. Er bewirtete den hohen Gast mit seiner Stille und schloss die gaffende Öffentlichkeit einfach aus dem Geschehen aus. Zum Trost gab es nur einem Wink in Richtung der Begegnung zwischen Diogenes und Alexander dem Großen. Ich hoffe allerdings für das Finale, dass der feinbesaitete Filch jenem grobschlächtigen Gegner jeglicher Zivilisation nicht allzu stark nacheifert.

 

Zum Abrunden des Berichtes: zwei wichtige Schauplätze der Bettleroper wollen noch in Erscheinung treten - für den Fall, dass Sie Kontakt mit Filch ersehnen und bis jetzt von ihm nicht getroffen wurden ...

Jeden Morgen, bevor Filch seinen Tausch- und Verkaufsstand am Spiekerhof ausbreitet, genießt er einen Gratis-Kaffee im Fyal. Das hat sich bald herumgesprochen und nicht selten haben ihn dort Touristen oder Presseleut' erwartet. Seine Medienwirksamkeit nutzte der fiktive Beggar dann als Argument bei Verhandlungen mit dem realen Lokalbesitzer, als es um die Genehmigung ging, die Badewanne auf der Herrentoilette wirklich zu benutzen. Detaillierte Beschreibung dieser und weiterer Begebenheiten vor dieser Kulisse finden Sie natürlich auf der Webseite der Beggar's Opera. (Oder im The Beggar's Book, das in wenigen Wochen erscheinen soll.)

Der obdachlose Bettler ohne feste Adresse könne bekanntlich keine Post empfangen. Filch wusste sich da geschickt zu helfen. Ein Plastikköfferchen - gefunden in den Müllbergen eines Flohmarktes auf der Promenade - wurde am Domplatz hinter dem Stromkasten (neben dem Bischofspalais) deponiert und die Nachricht darüber im Internet verkündet. Und siehe da, Postbeamte haben da mitgespielt. Als ich aus Kassel eine Grußkarte an Filch schickte, wurde sie ordnungsgemäß ins Gebüsch zugestellt und der Bettler konnte sie dann mit unbändigem Stolz bei seinem Auftritt im Metropolis präsentieren.

Er hat sie umgehend in die zuvor erwähnte Story über seinen dokumenta-Besuch eingewebt. Da er meine fast ohne Tusche eingedrückte 'Unterschrift' übersah oder nicht identifizieren konnte, weil sie von einem anderen Darsteller für mich erfunden wurde, glaubte Filch von einer Person aus Kassel eingeladen worden zu sein und hatte sogar zeitweilig eine dokumenta-Mitarbeiterin aus dem Pressebüro im Verdacht, die ihm als dem befreundeten Kunstwerk von der Münsteraner Ausstellung den Gratis-Eintritt ermöglichte.

Die Großzügigkeit jener Dame hat allerdings (Gott sei Dank!) nicht ausgereicht, um unsere Skulptur 06 gänzlich auf die dokumenta-Ausstellung umzustimmen - Filch hielt nur einen Tag in Kassel aus und kehrte heim ... zu seinem öden Spiekerhof, seinem Gratis-Kaffee und gelegentlichem Bad im Fyal, zu seinem treuen Briefkasten und natürlich zu seinen Helfer-Engeln vom Landesmuseum, denn so ganz vereinsamt ist Filch nicht, wie er manchmal jammert.

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