Schau Raum - die Nacht der Museen und Galerien 2009

Blatt 3 - Im Stadtzentrum

Das Auto lasse ich auf dem Hindenburgplatz stehen und ziehe zum Rosenplatz hin. Mein Hauptinteresse gilt der Galerie Goeken. Zuerst schaue ich in der Hollenbeckerstraße nach. Beide Eingänge finde ich aber verschlossen vor. Innen schauen mich durchs Fenster zwei verstörte Personen an. Besucher unerwünscht? Oder gehört das zum Thema der Ausstellung? Eigentlich sollte hier ein Kunstvideo mit überdimensionalen Uhren aus Menschenkörpern gezeigt werden: "Zeit Arbeit - Arbeitszeit". Offensichtlich störe ich aber die Galerieleute bei ihrer Arbeit. Ich vertiefe das Thema nicht mehr. Es gibt heute noch so viele offene Türen.

DtVita1Aber nicht bei Goeken am Rosenplatz, muss ich bald feststellen. Im leeren Raum sehe ich durch das Schaufenster einen Schreibtisch stehen, sonst nichts. Die Galerie wurde wohl wegen der für 20 Uhr angekündigten Performance geräumt. Nur die vorgezogene Rückwand aus Spannplatten bietet etwas fürs Auge, der Schriftzug La deutsche vita! strahlt den Rosenplatz hinterm Fenster an. Bunte Lichterkette soll wohl zu mehr Fiestastimmung verhelfen.

Fiesta? Von wegen - leer und nichts los. Dies soll das deutsche Lebensgefühl wiedergeben? Oder bin ich auch hier zum falschen Zeitpunkt? Ich geb auf. Die Chronistin klickt pflichtbewusst ein Foto durch die Tür und weiter gehts! Ich streife durch den Buchmarkt auf dem Platz, höre kurz dem Sänger auf der Bühne zu und wende mich dem neuen Ziel zu. Das Programm ist so üppig heute, die Zeit leider nicht.

 

Buddenbrook1

Im Kunstkontor am Rosenplatz ist es recht voll. Ich bin froh, die vor drei Wochen eröffnete Ausstellung noch zu sehen. Armin Mueller-Stahl, vertreten durch seine Gemälde, Unikate auf Papier und Druckgraphik. Die Wände habe ich schnell gesehen - alles kommt mir recht durster vor. Von den Drucken in der Vitrine kann ich mich nicht loslösen - Herrrrrlich! Der Künstler im Filmschauspieler nutzte die Zeit beim Drehen der "Buddenbrooks" und zeichnete verschiedene Szenen ins Drehbuch. Ein signiertes Exemplar der limitierten Auflage kostet nur 160 EUR - sehr verlockend.

 

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Nach der nächsten Galerie muss ich eine Weile suchen. Atelier Thürig bezieht Räumlichkeiten in einem ruhigen Innenhof in der Schlaunstraße. Gäb es nicht die Steinplastiken vor dem Eingang, würde ich bestimmt unverrichteter Dinge weiterziehen. Was ich hier sehen möchte, sind Kleinplastiken aus Porzellan und Totenasche. Innendrin sehe ich aber nur Wände mit Fotografien voller Wehmut, Trostlosigkeit und Verfall. Lange bleibe ich vor dem wankenden Schrebegartenhaus stehen - einst Raum für Entspannung und Freude gewesen, jetzt im Verwesen begriffen. Marieke Thürich und Christian Werner hielten in ihren Bildern fest, wie eine Region im Kontext der Industrialisierung zu Grunde geht. Die Ausstellung greift damit ein Thema auf, das fest zum Themenkatalog der Galerie gehört: Sterben, Tod und Trauer. Die Fotografien sind sehr beeindruckend - so sehr, dass ich den Raum verlasse, ohne mich an das Ziel meines Kommens zu erinnern. Den Engel und Mond und Stern werde ich mir im Internet anschauen müssen.

Draußen feiert ein Birnenbaum sein Erntefest, überall liegen sonnengereifte Früchte auf dem Boden. Ich nehme eine dankbar entgegen, der süße Saft lim Munde tröstet und erinnert, dass ich ja noch nicht vor dem Aus stehe, ich habe noch Zeit fürs genießen, die sollte nicht übersehen werden. Ein paar Sonnenstrahlen tun den Rest. Den Weg zum Spiekerhof trete ich schon mit erhobenem Kopfe an.

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Galerie Spiekerhof ist jedes Jahr ein Muss für mich. Den Grund weiß ich ehrlich gesagt nicht - vielleicht ist es ein ähnlich gearteter Farbensinn bei mir und den Galeristen. Schon das erste Bild im Schaufenster begeistert mein Auge. Innen gibt es natürlich mehr davon. Die Galerie ist sehr gut besucht, man muss viel Geduld mitbringen, um vor alle Werken treten zu können. Die Hauptausstellung bestreitet Karin Rossmanith-Haslinger. Aber auch alles andere im Laden - zum Teil seit Jahren vertraut - gefällt mir. Meine recht konservativ geprägte Horoskop-Venus definiert ihre Begriffe des Schönen oft in dichter Nachbarschaft zu Sanftheit, Klarheit, Sorgfalt und vor allem Gepflegtheit, auch wenn sie mich manchmal die Schönheit des zufällig erblickten Mülls sehen lässt.

 

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Ein paar Schritte weiter am Spiekerhof und ich lande in der Galerie Nolte. Wie anders sah es hier in meinem Bericht von 2005 aus! Damals hingen an den schäbigen Wänden des einstigen Chinarestaurants rauh gezeichnete Bilder von Anette Küchler-Mocny. Man konnte nicht ahnen, welch vornehmer Tempel der Kunst hier aufmachen möchte.

Aber zurück zum Jetzt. Ich tänzele zwischen den vielen Besuchern und kehre immer wieder an dieselben Bilder zurück, wo ich dieselben Betrachter treffen, die auch schon neben mir standen. Der Mann zum Beispiel zieht aller Augen an ... Stopp, Pustekuchen! Der Titel des Bildes von Jun Ho Cho lautet: The Girl. Es stimmt aber wirklich, dass viele Galeriebesucher das schillernde Bild anzubeten scheinen. Das kleine Foto kann unmöglich den Farbreichtum und die feine Pinselführung zeigen - Schade.

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Mein zweiter Liebling kommt aus der chinesischen Hand von QiWei Zhang. Das Bild fand keinen Platz an der Wand, aber der Galerist hat es offensichtlich nicht übers Herz gebracht, das Profilportrait in die Kammer zu schieben. Deswegen lehnt es unaufällig an die Kommode und beansprucht doch nicht geringere Aufmerksamkeit der Besucher wie die hoch gehängten Konkurrenten. Diesmal ist es nicht die Farbwahl, die mich fasziniert, sondern vielmehr die dem Bild innewohnende Stille. Wer noch Probleme mit der Versenkung in seine Stille hat, sollte sich das Bild schnappen und von ihm lernen.

 

Die Uhr steuert auf 19 Uhr zu, der Zeitpunkt im Programm der Deutsch-Französischen Gesellschaft, an dem sich interessierte Freude für einen gemeinsamen Rundgang durch die Galerien treffen können. Soll ich hin, oder weiter allein? Das Herunstreunen mit einen großen Klicke könnte wenig efektiv sein... Ich greife nach dem Handy und ruf bei Helga an.

 

Die weitere Tour wird auf den Seiten der von mir geführten DFG-Chronik beschrieben. Wer mitkommen möchte, ist herzlich eingeladen. Hier lang bitte...

 

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