Schau Raum - die Nacht der Museen und Galerien 2009

Blatt 2 - In der Ateliergemeinschaft Speicher II im einstigen Hafen

Ich gehe an vielen geschlossenen Türen vorbei. Das Haus ist heute gar nicht so offen, wie ich dachte ... Mein Klagen ist verfrüht, am Flurende wartet doch ein Atelier auf die ersten Gäste. In dem überraschend großen, lichtdurchfluteten Raum ziehe ich an schwarzen Leinwänden vorbei, die erst aus der Nähe ihren Schatz offenlegen: hauchfein eingeritzte Worte oder Sentenzen. Der Geist hat sich hier aller ihn illustrierenden Formen und Farbspiele entledigt. Mein Verstand lässt natürlich keine Botaschaft aus. Das farbsüchtige Auge umtänzelt die Raumeinrichtung. Das Atelier ist heute ein eleganter Ausstellungssaal. Nur ein paar schwarze Farbspuren auf dem Boden verraten, dass die Bilder hier auch entstehen.

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Noch ein offenes Atelier, an der Tür wartet eine übermenschengroße Gestalt: Papst Johannes Paul II. Anetta Küchler-Mocny bringt ihren Geburtsnamen gut zur Geltung - mocny heißt auf Polnisch: stark, kräftig, intensiv. Und ihre Bilder sind in der Tat gewaltig. Im Atelier ist nur ein winziges Fragment des Werkes zu sehen. Das vatikanische Oberhaupt aus Polen scheint der polnischstämmigen Künstlerin sehr angetan zu haben. Ihr Gemäldezyklus bildet direkt aneinander gereiht ein Bildepos von 35 Metern Länge. Im Atelier kann man es auf einem Fotostreifen von 120cm-Länge betrachten. Den Papst war es mir nie möglich zu schätzen, aber die grünblaue Phase am Ende der Bilderreihe gefällt mir sehr gut - zumindest als Miniatur.

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In ein weiteres Atelier kann ich nur durch einen schmalen Schlitz in einer Kartonwand hineinschauen. Eine Installation mit Trollis vor einer Kinoleinwand erinnert mich zuerst an die Dokumentarfilme über Vertriebene nach dem letzten Weltkrieg. Quatsch, da gab es doch noch keine Trollis! Das karge Hab und Gut wurde im Koffer oder Rucksack geschleppt. Ein Trolli wurde viel später für einkaufende Rentner erfunden. Die eingerollten Schlafmatten fallen mir auf und die zweite Assoziation führt zu der Bettleroper von Dora García während der skulptur projekte 2007. Die Arbeit von Sylvia Forstmann (laut Türschild) scheint aber mehr sozialkritischen Hintergrund zu haben, denn die Stimmung im von ihr kreierten Raum ist eher trostlos. Wen meint sie eigentlich? Bettler oder Asylsuchende?

 

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Der Fahrstuhl bringt mich eine Etage tiefer. Seine Türen öffnen sich wie ein Theatervorhang ... vor mir die Installation: Wasserstand. Das verkündet zumindest das Schild auf dem Wägelchen mit gefüllten Wasserflaschen und bereitgestellten Trinkbechern. Die blauen Papierschiffchen sollen wohl ans Meer denken lassen. Das frische Grün des Eichenblattsalates und die roten Stühle lockern das nüchterne Betonflurambiente ein wenig auf. Der Hase wird bestimmt alle Kinderherzen locken. Die Künstlerin arrangiert gerade die letzten Schiffchen und verschwindet schnell hinter ihrer Tür. Darf man wirklich trinken? Wie lange wird dann der Vorrat reichen? Wird das vielleicht geheim gefilmt? Wie überwinde man die Barriere der Unsicherheit, ob es sich um ein reines Schauobjekt handle oder um eine künstlerisch gestaltete Einladung zum Genuss..? Ich lasse die offenen Fragen am Wasser sitzen und ziehe weiter - Durst habe ich gerade nicht, also...

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Der letzte Atelierbesuch. An der Tür eine ungewöhnliche Einladung: Gehen Sie mit der Künstlerin ins Bett! Das Foto streitet heftig mit dem geltenden Schönheitsideal in der Werbung für Unterwäsche. Die Einladung dürfte für das andere Geschlecht interessanter klingen; ich gehe wegen der warmstrahlender Häuslichkeit hinein - in diesem Gebäude ist sie äußerst rar. Am Eingang begeistert mich eine Schneiderpuppe mit einer fantasievoll geschnittenen 'Bluse' in zartem Lachsrosé.

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Aber schon eilt mir die Künstlerin entgegen, führt ins arrangierte Schlafgemach und erläutert die aufwendig vorbereitete Attraktion. Sie möchte mich neben der Puppe mit ihren Gesichtszügen fotografieren. Das Foto werde natürlich von Wibke Bartsch signiert. Mir ist nicht nach Gags, will aber nicht zu abweisend auftreten. Also schlage ich vor, ein Foto von ihr mit der Puppe zu machen. Sie willigt ein und bald kann ich im Refugium der Künstlerin frei umherschauen. Dieses Atelier scheint mir die persönlichste Note von allen gesehenen zu haben. Gespannt studiere ich das Sammelsurium in den gefüllten Regalen, dann kehre wieder zu der Schneiderpuppe zurück. Das 'Kleidungsstück' sei für eine Gruppenausstellung in Frankreich bestimmt. Noch nicht fertig. Die Künstlerin hat sichtlich viel Freude an dem Werk. Ich - an der Begegnung mit der jungen Frau, die so viel Natürlichkeit in ihrem Wesen bewahren konnte. Die geteilte Liebe zum Textilstoff und zu warmen Farben dürfte da auch abgefärbt haben.

So, höchste Zeit für einen Szenenwechsel. Im Stadtzentrum haben inzwischen alle Galerien auf.

Ab in die Stadt!

 

 

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