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SchauRaum - die Nacht der Museen und Galerien 2009

Im letzten Jahr habe ich wegen einer Erkältung alles verpasst - diesmal wollte ich möglichst alles sehen, was die Stadt bot, also startete ich also bereits um 14 Uhr, obwohl der offizielle Beginn um 16 Uhr sein sollte. Zunächst parkte ich mein Auto in der Nähe vom Aasee und tänzelte überglücklich über die sonnigen Wiesen bis zum Wawerka-Pavillon.

Wawerka1

Hier bin ich ganz alleine - abgesehen von vielen Kanninchen, die mich entsetzt anschauen, sie glaubten wohl, dass Jörg Obergfell sein Kunstwerk nur ihnen zu Liebe schuf. Weit gefehlt - die niedliche Miniatur des Wawerka-Pavillons sei der optimale Rahmen für eine Ausstellung eines Künstlers, der grundsätzlich mit Kleinstformaten arbeite - lese ich in der SchauRaum-Broschüre nach. Ich möchte mich allerdings nicht auf den feuchten Rasen legen, um die Miniaturenexposition zu studieren, also schieße ich blind mehrere Nahaufnahmen und will sie mir zu Hause am großen Bildschirm anschauen.

 

Meine nächste Station ist am entgegengesetzen Ende der Stadt: dst.galerie in der Wolbecker Straße. Ich kenne die junge Kunstadresse noch nicht und kann den 'SchauRaum Nr. 37' zwischen den unscheinbaren Läden gar nicht finden. Na dann ... Was habe ich als Nächstes auf meiner Liste? Unterwegs zum Auto fällt mir ein Schaufenster auf - zugehängt mit Zeichnungen auf DIN A4 Bögen, die offensichtlich Kinderhänden entstammten. Ein Schild lädt die Passanten ein, einen Außerirdischen zu malen - der am meisten realistische würde den Malwettbewerb gewinnen. Gespannt gucke ich mir die "realistischen" Außerirdischen an. Was macht das Realistische eines Außerirdischen aus? Eine Antwort bleibt natürlich aus. Dafür aber bemerke ich endlich, dass ich vor der gesuchten Galerie stehe.

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Ein kleiner, lichter Raum. Am Tisch in der Ecke arbeitet ein Mann am Laptop. Darf man schon rein? Der junge Galerist hellt sich auf und führt mich sogleich in sein Reich ein. Natürlich fangen wir bei den Zeichnungen im Schaufenster ein. Jetzt sehe ich, dass man innen tatsächlich eine Malecke eingerichtet hatte. Da die Ausstellung von Ole Ukena vor zwei Wochen eröffnet wurde, haben sich schon viele Kinder und Nichtkinder an dem Thema versucht und mit ihren Werken das Fenster gefüllt. Der Künstler knüpft bei seiner Idee an eine Kindheitserinnerung: für eine Zeichnung eines Außerirdischen erntete er eine Fünf, weil der Lehrer meinte, dass ein Außerirdischer so nicht aussehen könne. Die versuchte Zähmung der kindlichen Fantasie hat diese offensichtlich jahrelang ... beflügelt. Der einstige Junge gab jedenfalls nicht auf, den Raum des Unbekannten, des Nichtexistenten, des Noch-Zu-Erschaffenden auszuloten. Als Sechssjähriger verewigte er einen herrlichen Augenblick seiner verspielten Kreativität, indem er seine Nase auf den Kopierer drückte. Der gereifte Künstler führt jenes Spiel weiter; bis zu Tode möchte er regelmäßig sein Gesicht so ablichten - versichert mich der Galerist. Seine Begeisterung hat mich nicht anstecken können ... Dafür aber bewundere ich die "gekleckerten" Tuschezeichnungen an der Wand gegenüber. HERRLICHKEITEN!

Im kleinen Hinterraum erwartet den Besucher eine weitere Überraschung - ein Video, das der Künstler an zivilisationsfernen Orten in Afrika drehte. Genau genommen ließ er seine Kamera laufen, ohne selbst dabei zu sein. Neugierige Kinder nährten sich dem unbekannten Medium und entdeckten sich selbst in dem zum Betrachter hin gerichteten Display.

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Verwundert probierten sie verschiedene Posen und Gesten aus und hatten sichtlichen Spaß daran, bis einige mit Vorsicht getränkten Gesichter der Erwachsenen vor der Kamera auftauchten. Die Missbilligung der Großen hat jegliche Freude verschwinden lassen, die Kleinen verschlossen ihren Blick und entfernten sich mit steifen Gesichtern. Eine ganze Viertelstunde lang dauert der Film, den es stehend zu betrachten gilt. Und doch kann man da einfach nicht weggucken. Ein letzter Blick zu den Tuschezeichnungen und los geht's!

Wenn Sie aber länger mit Herrn Ole Ukena bleiben möchten, schauen Sie doch einfach bei dst.galerie rein, mein Bericht ist berührt nicht alle Aspekte der Ausstellung.

Hafenspeicher1

Zeit für weitere Abenteuer. Die nächste Station ist nicht weit und doch muss ich eine größere Runde mit dem Auto drehen - Speicher II im einstigen Hafen. Es ist fast eine Schande, aber ich habe die stadtberühmte Ateliergemeinschaft noch nie von innen gesehen! Ich will natürlich einen Blick in einzelne Ateliers werfen, aber mein Hauptinteresse gilt eindeutig der Kunstausstellung unterm Dach: Site of Silence. Es ist ja mein Thema seit eh und je. Deswegen drücke ich im Fahrstuhl gleich auf die oberste Etage und steige schnell noch die letzte Treppenflucht hoch. Es gibt so gut wie keine Leute. Was bin ich froh, so früh hier gelandet zu sein. Später dürfte man, kaum etwas von der hauseigenen Stille merken, wenn die Besucher Busweise aus dem Stadtzentrum geliefert werden.

Am Eingang wird mir ein dicht bedruckter Zettel über die Ausstellung in die Hand geschoben. Wie nett, danke. Aber ich möchte ihn auf keinen Fall vor meiner Besichtigung lesen. In der großen, weißgetünchten Halle gibt es vor allem ... Raum voll Nichts. Nur die offen liegende Dachkonstruktion liefert dem Auge ein Abbild reger Aktionen. Darunter herrscht monumentale Statik. An der Wand 'zischt' ein langes SHHHHH den Betrachter lautlos an.

 

Lauschpanorama

Eine schwarze Rotunde mit nach innen gerichteten Gauben wirkt vom Weiten schon wie ein Stille-Tempel. Auf Zehenspitzen komme ich näher und merke einen anderen Besucher, der genauso vorsichtig um das Kunstwerk schleicht. Oh, doch nicht allein hier... Ich schaue ins Innere, die weiße Arena scheint von Lautsprechern an der runden Wand belauscht zu werden. Ach nee, wahrscheinlich können Gaubenbesucher ihre Geräusche hierhin schicken. Mal sehen, wie das geht. Statt eines Mikrofons finde ich in der ersten Kabine einen bedruckten Zettel an der Wand, im milden Lichte eines Strahlers. Oh, ein richtig heimeliges Alleinsein. Nur die Anwesendheit der vielen Worte füllt sich wie ein ... Missklang an. Der Kopf ist aber schon dabei zu erfahren, worum es denn hier gehe. Natürlich um die Stille. Um persönliche Begegnungen mit der Stille. Der erste Erzähler füllt den Raum mit seiner Angst vor ihr, mit der Unruhe seines Ich, einfach nicht vorhanden zu sein. Zwei anderen Gauben summen das Lied der Bewunderung, des Staunens, der Sehnsucht - ein Fest der großen, transzendenten Stille. Die Begegnung war sogar einem tauben Menschen möglich, einem der den Unterschied zwischen Klang und Nichtklag gar nicht kannte! Wer einen Text lesen möchte, betrete bitte die Kabine hier. Leider kann ich nicht allen Texten begegnen, denn nun kommt eine große Besuchergruppe in die Halle und die Haus-Stille verzieht sich flugs in die Wände. Die Stille in mir aber erlaubt mir noch das viele Gehen, Umherschauen, Sichversammeln um die kleine Frau, die die Ausstellung kommentiert, ruhig zu betrachten. Noch, denn bald dröhnt ein unsichtbarer Zug durch die Hallenlüfte hindurch und da würde ich auch am liebsten in eine Wand hineinverschwinden. Nachdem das schienenschreiende Monster in die Ferne gerast ist, ergießt sich die Stille mit neuer Intensität im Raum. Ich bin butterweich. Wie nach langem Singen! Herrlich!

Viele mögen aber so etwas nicht - unruhige Beine und fragende Worte fordern den Raum für sich ein. Die Führung beginnt. Der New-York-Express-Subway verkehre alle 30 Minuten auf Wunsch von Suchan Kinoshita (die von meinen geliebten "Chinese Whispers"). Die schwarze Rotunde von Stephan US heiße united silence und werde innen von einem leisen Atemgeräusch belebt, der aus den Lautsprechern ströme - das erste Geräusch des Lebens. Ach so?! Das habe ich verpasst. Wenn die Leute weg sind, muss ich nochmals hin.

Die filigrane Frau spricht dann über die Zettel in den Kabinen. Ich will lieber weiterziehen, aber da bemerke ich den 'Dolmetscher'. Der Vortrag wird in die Gebärdensprache übertragen, weil sich unter den Besuchern einige Gehörlose befinden. Auf welche Weise still mag denn ihre Stille sein? Eine Stille, die nicht zwischen Klängen, sondern zwischen Bewegungen wohnt. Die lauschenden Augen sind aber gar nicht so still, wie ich dachte, sie stellen Fragen, senden Bestätigung, empfangen Freude. Ich stehe trotzdem fasziniert stehen; der Vortrag des Mannes ist sehr belebt, seine Arme schwingen, das Gesicht ist ein Tanzball. Echt! Auch wenn die Ohnren nichts vernehmen, geht es hier gar nicht leise zu. Hätte ich die Frau nicht gehört, würde ich nicht darauf kommen, dass es sich um Stille handelt. Welche der Gebärden soll eigentlich Stille heißen? Ich kriege es nicht raus. Als die Gruppe weiter zieht, wähle ich die Gegenrichtung. Ich will ja zuerst unbefangen den Werken begegnen.

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Die zwei zusammengeschweißten Glocken sind mir schon in der Brochüre zu SchauRaum aufgefallen. Da dachte ich an mächtiges Verstummen. In den Weiten der Halle wirken sie eher klein, fast verloren, eingeschüchtert... Schweigen sie oder flüstern sich die lautesten Klanginstrumente, die der Mensch je kreiert hat, etwas zu? Die drei Männer auf dem Foto grübeln aber nicht über das Geheimniss jener Stille. Mag sein, dass der eine rechts der dazugehörige Künstler sei, der seinen Freunde die Details der Herstellung verrät. Ich will ihren Austausch nicht stören und zoome mir nur die Glocke in die Kamera ein. Derweil schießt mir ein Quergedanke durch den Kopf: Eine Verschmelzung bewirke immer die Stille. Eine, die nichts mehr zu überbrücken braucht. Oh wei, das Philosophieren geht los ... Lieber weg. Es gibt noch viel zu sehen.

Eine glänzende Metallkugel auf dem Boden schweigt vor sich hin. In dem weiten Raum der Halle wirkt auch sie funktionsfrei, sinnfrei, einfach nur so. 'Was sich der Kris Martin dabei gedacht habe', werde ich erst zu Hause aus dem mitgenommenen DIN A3 Blatt mit Erklärungen erfahren. Früh genug, denn die "Bombe" soll erst 2104 ihr Geheimnis gar unstill demonstrieren.

Ohne klärende Lektüre ziehe ich auch an 10 großen Fotoabzügen mit kargen Panoramas vorbei und die häusliche Lektüre über die Makrobilder der inneren Oberfläche des jahrhundertealten Schädels eines Mönchs vermag auch kaum Interesse zu wecken. Vielleicht käme es aber, wenn ich davor stände? Stopp, stopp - zu 'wennen' hat noch nie was Gescheites hervorgebracht! Unbefangenheit hat eben ihren Preis. Kein Grund zum Nachgrübeln.

Schwarzweiße Landschaften gibt es auch in einer Dunkelkammer zu sehen. Yehudit Sasportas lässt auf mehreren Leinwänden bewegte Bilder der kahlen Wälder und Morast langsam auftauchen, sich wandeln, verschwinden. Etwas Mystisches füllt den Raum, wo die Natur ziemlich unnatürlich erscheint und doch fasziniert. Ich halte da aber nicht lange aus. Und das aus einem einzigen Grund - einige Besucher bleiben nicht still auf den Sitzbänken, sie haben das Bedürfnis dicht an die proizierten Bilder heranzugehen, um mit der Hand auf erkannte Formen zu zeigen und den anderen zu erklären, was sie entdeckt haben. Schattenquadrat1

Mehr Ruhe finde ich vor dem 'Schattentheater' von G. Kruip. Einige weiße Platten hängen quasi zusammenhanglos in der Luft, ihr Schatten an der Wand aber bildet eine gut erkennbare Form eines Quadrats. Eine Umkehrung vom Platons Höhlengleichniss, oder was? Eine neue Perspektive auf jeden Fall - die Welt der Schatten hat noch nie als die richtigere, die mehr wahre gegolten. Mehr fällt meinem Kopf dazu nicht ein und so komme ich in den Genuss der Stille im Denken. Das Quadrat ist ein Quadrat, das Mobile sinnt halt vor sich hin, das Licht versteut sich den Raum malend, was will frau mehr ... Ein Blick auf die Uhr mahnt zum Aufbruch..

Ich werfe noch einen neugierigen Blick in den mit weißen Tüchern behängten Durchgang zu einem Balkon. Man entschuldigt sich auf einem Schild, dass die Balkontür wegen des Windes geschlossen bleibe. Ich schaue kurz durch die Glasscheibe, eine dunkle Wolke zieht heran. Eine, aber was für eine! Ohgottohgottohgott! Mit Regen habe ich heute nicht gerechnet. Die Natur spielt heute etwas verrückt, dieser strahlende Sonnenschein und der pechschwarze Vorhang. Ich mache ein paar Fotos und verlasse die Ausstellungshalle, ohne etwas von Ch. Geißlers Installation When it rains... zu wissen. Auch später, als ich draußen vorbeigehe und höre, wie jemand einen heftigen 'Regenschauer' vom Balkon im obersten Stock herunterprasseln lässt, denke ich nur, dass man unachtsam beim Blumengießen gewesen war. Die Lektüre zu Hause wird das Bild geradebiegen müssen.

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Die tiefer liegende Etage durchdringt ohrenbetäubender Lärm. Das Schild an der Tür kündigt das seit 2006 geführte Archiv des Nichts von Stephen US an, eine Ergänzung der Ausstellung über die Stille. Ein sehr unstilles Nichts, konstatieren meine gequälten Ohren. Ich betrete das Zimmer mit einigen Regalen. Während der Fernseher die Luft behämmert, überfliege ich schnell die Bücherrücken - alles Titel, die irgendetwas mit Nichts zu tun haben. Weitere Ergründung ist mir nicht möglich - der Lärm vertreibt mich schnell in die fernen Flure.

 

 

Der Gang durch Ateliers in Speicher II und weiter durch das Stadtzentrum