Nach einigen Monaten wurde es auf dem Blatt ruhiger, luftiger, transparenter, zuweilen verspielt. Nach wie vor zog ich die Kreidestifte blind aus dem Kasten und staunte nicht selten über den Zufall, der durchaus fähig war, mehrere Farbtöne von Grün oder ein andermal von Blau auf einem Bogen aufeineinander treffen zu lassen. Die einst inhaltslosen Farbflächen nährten sich in ihrer Form keimenden Samen, sich entfaltenden Blättern, aufblühenden Blumen. Eines der letzten Pastelle, das ich malte, zeigt einen fast naturalistisch gezeichneten Schmetterling, den ich Individualist nannte, weil keines seiner 4 Flügel dem anderen gleichen wollte. Sein Farbenreichtum wirkt sehr harmonisch - ganz anders als die recht wilde Farbenvielfalt meiner Pastelle knapp 1,5 Jahre zuvor...

Und dann, ziemlich unerwartet, hörte mein Kontakt mit der Pastellwelt auf. Etwas bedauernd nahm ich an, dass er wohl nur für eine psychische Entrümpelungphase gedacht war und nun seinen Job quittierte. Meine Aufmerksamkeit floss nunmehr zu einer anderen Bilderwelt, die sich mir anbot; zu Träumen. Und siehe da, diese Welten kooperieren miteinander aufs Innigste... Im Sommer 2000 schlug mir ein Traum vor, mit meinen Bildern in die Öffentlichkeit zu treten. Diese Botschaft kam bei mir gar nicht gut an. Malen als Meditationshilfe während einer midlife crisis - OK, aber die Bilder zur Schau stellen ..? Um Gottes willen!

Kleine Bemerkungen meines Bekanntenkreises sowie der Übersetzungskunden, die meine 'bunt tapazierten' Wände bestaunten, unterstützten die Idee, dass die Bilder neue Augen kennen lernen sollten. Die Gelegenheiten ergaben sich wie in einem Hollywoodfilm. In meinem Stadtteil Münster-Nienberge organisierten sich gerade einige Hobbykünstler zu einem Kreis und sollten auch bald anlässlich eines örtlichen Events ausstellen. Ich ließ zwei Pastelle rahmen und gesellte mich zögerlich dazu - Mal sehen ...

Diese zwei Bilder hat kurz danach ein Bekannter ausgeliehen, um seinen Stand während einer Esoterikmesse zu dekorieren. Er lockte mich mit diesem Trick, nachdem ich es kategorisch ablehnte, einen eigenen Stand mit meinen Bildern zu haben - vonwegen zu teuer und nicht das richtige Publikum. Der Messeleiter sah beim Aufhängen der beiden Bilder zu ... und bat mich, einen leer gebliebenen Stand in der Mitte der Halle mit meinen Bildern zu dekorieren - kostenlos. Wie soll man da Nein sagen ... Mit Tesafilm klebte ich die farbigen Bögen an die Holzwände. Das große Foto am Anfang dieses Kapitels gibt diesen Augenblick wider - schauen Sie vielleicht kurz zurück ?*). Da saß ich also; drei Tage lang sah ich überrascht zu, wie der Ort den Messebesuchern zur Oase fürs Innehalten und Ruhetanken wurde. Die Menschen blieben immer so stehen, dass sie die ganze Wand erfassen konnten und standen, standen ... Dass sie meine Bilder nicht so sehen können wie ich, war klar, aber was fanden sie an den Kreideflecken ..?

Verkauft habe ich auf dieser Messe kein Bild, und dennoch - ich habe verstanden, dass die Bilder nicht zu ausschließlich meinem Vergnügen da sind. Mulmig war es mir nur bei dem Gedanken an weitere Ausstellungen, weil ich ja seit einigen Monaten nicht mehr malte...

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