Als erster lauerten mir die bunten Kreidestifte auf. Es war die Liebe auf den ersten Blick. Die zwei Konkurrenten, Aquarell und Seidenmalerei, blieben gleich auf der Strecke, sie hatten keine Chance. Der farbige Staub lehrte mein Temperament die sanfte Monotonie schätzen. Alle meiner 180 Pastelle entstanden in meditativem Bewusstseinszustand, wo das Denken ruht und der Stille-Raum unendlich erscheint. Das langsame Einstreicheln der Kreidepigmente ins Papier war eine wirksame Technik, um den Zustand der inneren Seligkeit möglichst lange zu erleben.

Und das Ergebnis? Ich liebte zwar die Bilder ganz innig - sie waren ja die Vermittler zu Glücksmomenten, wie ich sie bis dahin nicht kannte - aber ... deswegen sah ich noch lange keine Verbindung zur Kunst. Ich habe ja nur meditiert.

Um die Gedankenmühle zu beruhigen, habe ich ihr jegliches Mitwirkenkönnen entzogen. Keinerlei gestalterische Absicht lenkte mein Malen. Kein Gedanke war für die Komposition oder gar die Farbwahl nötig - ich zog aus dem Kasten mit 80 verschiedenen Kreiden eine beliebige heraus (ohne hinzuschauen), zeichnete eine ebenso beliebige Kontur auf dem Papier und füllte sie mit dem Kreidestaub.

Jeder nächste Farbfleck umarmte den früheren; nicht weil ich eine besondere Theorie vertreten würde - von wegen - dies Verfahren ersparte verschmierte Muster auf dem Papier und kunterbunte Unterarme der Meditierenden. Kurzum, ich verbrachte Zeit mit 'unwichtigem Getue' und versank dabei immer tiefer in die Stille, in der nach und nach Impulse für die nächste Bewegung aufkamen und mich 'bis das Blatt voll ist' begleiteten. Im Klartext: 3-4 Stunden, die im Nu vergingen.

Danach machte ich mir eine Kanne Tee und der aufwachende Kopf übernahm ... Zunächst galt es zu bestimmen, wo oben und unten sei. Und dann, was ich von dem Bild über mich Neues erfahren habe. Immer noch voll Stille hörte ich mir die psychologisierenden Deutungen über das 'Hinausgemalte' an und freute mich auf das nächste Malen. Die Bilder wurden mit Stecknadeln an die Tapete befestigt, andere wanderten auf den Schrank oder wurden verschenkt. Wegzuschmeißen wagte ich sie nie.

 

Erst heute, wenn ich auf die damaligen Bilder zurückschaue, wird mir die Entwicklungslinie bewusst. Sowohl im Hinblick auf den Inhalt als auch auf das 'Handwerk'. Die anfänglichen Blätter der 1001 umarmenden Farbflächen spiegelten wohl die verkapselten Altlasten im seelischen Keller, die es nun zu sichten und zu entrümpeln galt.

Die dunklen Schatten unverdauter Erfahrungen - von, was weiß ich denn, wann in meinem Leben - bedienten sich einer ganz und gar nicht traurigen Farbskala und zogen bald los aus ihrem Verlies. Eine lange Bilderreihe zeigt Explosionen und fließende Formen.