Tatort: Atelier

25. März 2006

Atelierveranda nimmt ihren Dienst wieder auf ...

Nach unendlichem Winter-Slalom dieses Jahres kam urplötzlich dieses sonnige Wochenende ... Als ich den Napf für meinen Felix nach draußen stellte, hat mich dort - bereits um 8 Uhr ! - der ausgereifte Frühling empfangen und das feierliche Frühstück draußen läutete die neue Saison an. Die Kalenderbahn zog aus dem Wohnzimmer aus und genoss die unbekannte Weite des neuen Tisches. Ich war wunschlosglücklich, wenn man von dem Gefühl des Bedauerns absieht, dass ich nur ein Kalenderbild malen durfte ...

 

31. März 2006

Im Kalender Kein Tag gleicht ... endet nun der dritte Monat. Er begann mit einer kleinen Kostbarkeit in Grün (01.03.). Meine Liebe für das Bild ist auch nach Wochen noch nicht verblichen. Der 2. März knüpfte beim Vorgänger an, um sich gleich in eine Konflikt-Szene zu verwandeln. Der 3. März spiegelte den erstarrten Seelenwinter, der mich dann noch einige Wochen umgab. (Das Arbeitsumfeld lieferte diesmal das Szenario.)

Am 8. März zog eine ganz neue Sanftheit in den Kalender ein - ich kaufte mir gerade einen Satz Aquarellstifte. Der delikate Farbauftrag überraschte mich sehr. Zunächst war ich bemüht, stärkere Färbung durch mehrfaches Übermalen zu erreichen, aber das wollte einfach nicht gelingen ... neben seinen Vorgängern aus dem Acrylreich schien das Aquarell-Bild ein zartes Wesen vom Mond zu sein - nun, dann eben so. Der 10. März lieferte das Abbild meines bedrückenden Eisberges im Herzen und am 11. saß ich ziemlich lange rum, ohne einen Impuls zu spüren, und überlegte bereits, ob ich eine Art Null-Bild (nur eine Kontur oder so) kreieren sollte, als dann die Idee mit dem Portrait meiner unwissenden Hand auftauchte. Es handelt sich natürlich um den Abdruck der rechten Hand. Das feine Linien-Spiel ist hier nicht besonders treu ... meine Lebenslinie endet in Wirklichkeit in der Mitte, ihren Lauf übernimmt dann eine andere Linie, die senkrecht von oben kommt. Das Thema der ungewöhnlichen Handlinien erscheint wohl auch am 12. März - was zunächst wie ein abstrahierender Busch anmutete, wandelte sich beim Weitermalen in eine offene Hand mit einer geknickten und einer aufstrebenden Linie um.

Am 13. März wollte ich den Kalender meinen Kunstkollegen in der Abendsitzung präsentieren, die bei einer überzeugten Katzen-Besitzerin stattfand. Ich zeichnete kurzerhand eine ältere Bleistift-Zeichnung nach, die meinen Augen eine verschmitzte Katze präsentiert. Meine Projektion ist aber für niemanden zwingend. Eine Kunstkollegin lachte an jenem Abend über ... den Elefanten (von hinten).

Am nächsten Tag schaute ich mir die Ausstellung mit leuchtenden Bildern von Norbert von Hoetmar aus Berlin. Erwartungsgemäß (Licht ist das allerliebste Thema auch von mir) haben mich die licht-atmenden Werke sehr angesprochen. Das Bildchen vom Abend des 14. März erinnert mich ein wenig an die abstrakten Landschaften von Hoetmar - leider kann ich das Aufblühen des Lichtes nicht mitbieten ...

Der 15. März griff wieder nach Aquarellstiften. Diesmal bekamen sie aber doch noch Acrylverstärkung.

Der 16. März wollte mehr Klarheit präsentieren - also wieder nur Acryl und scharfe Konturenlinien, allerdings vom Nichts. Und doch scheint die Stimmung beider Bilder eng verwandt zu sein.

Das Bild vom 17. kam am Ende einer dunklen Arbeitswoche und ich malte es sozusagen aus Pflichtgefühl ... Kein Wunder, dass sich der Farben-Geysir keiner großen Anerkennung von mir erfreute ... ich hoffte nur, dass er später im Bildermeer verschwindet.

Der 18. März zeigte sich dann friedlicher und ich spürte auch innerlich, dass 'meine' Zeiten sich wieder zum Besseren wandeln wollen. Der anschließende Sonntag begann mit alljährlichem Brunch in Freundesrunde. Zum Auftakt ließ das riesige Buffet mein Herz höher schlagen; die Unterhaltung mit zum Teil lange nicht gesehenen Bekannten erhellte den Geist und die Sonnenlandschaft hinter dem Fenster rundete das Bild des Tages schön ab. An dem anschließenden Rundgang um den Aasee habe ich aber nicht teilgenommen - es war zwar sonnig, aber es wehte ein eisiger Wind. Zu Hause schaute ich mir das schnelle Wolkentreiben am Himmel durch das Wohnzimmerfenster an und ... dies fand wohl seinen Niederschlag im Kalender (19.03.).

Mein Terminkalender hatte am Folgetag viel vor, und ich fürchtete, dass ich abends nicht mehr in der Lage sein werde, ein Bild zu malen. Diese Angst hatte meinen Pflichtsinn zum Verbündeten - das Bild vom 20. scheint dem Rechnung zu tragen: schnell vor der Fahrt zur Arbeit absolvierte Gabe als unklares Wischiwaschi. Später bedauerte ich, nicht bis zum Abend gewartet zu haben, denn der Tag hatte noch so viel Schönes zu bieten ...

Strahlender Sonnenschein begleitete mich mittags zur Schule, der Arbeitshimmel zeigte sich auch sehr klar und am Abend verzauberten mich die Dias mit goldenen Bildern des irischen Book of Kells. Während das ECI-Publikum gegen die Vortragslänge aufmuckte, fühlte ich, dass mich jede Minute mit Glückseligkeit nährt. 25 Jahre tiefer Mal-Meditation kunstbegnadeter Mönche haben so viel Schönheit in das Buch eingeladen! Auch nach 1200 Jahren ist nichts davon verwittert. Die unsichtbare Strahlung der Liebe zur Schönheit, die jedem noch so kleinem Detail innewohnte, nutzte die Licht-Schwingen des Diaprojektors und versetzte mich in eine tagelange Trance. Zu Hause schlug ich gleich die Internet-Archive auf ... und suchte mir ein Bildmotiv für meinen Kalender aus Schade, dass heutiges Bild schon da ist. Ein großformatiger Ausdruck begleitete mich am nächsten Tag zur Arbeit - ich war so glücklich! Und jeder Anblick hat mich daran erinnert. Der Abend gehörte dem schwungvollen X. Jenes Bild vom 21. März kopiert nicht das keltische Original, denn dazu wären ein paar Meditations-Jahre vonnöten. Ich hatte einfach nur das Bedürfnis, die Schönheit der sonderbaren Form des altgrichischen Kürzels für den Namen von Christus aus der Nähe zu erleben. Beim Malen mischte sich in die immer noch anhaltende Glückseligkeit ... die Irritation, dass ich mich wegen des kleinen Bildformats nicht ... an die Ziselierarbeit verlieren kann.

Der nächste Tag - mit einem ergreifenden Traum über Heilung der Sehkraft angefangen - galt also dem Glück nichts nachahmender, sinnfreier Malerei. Kein Motiv also, nur Zierhintergrund. Eine goldene Linie (22.03.), von oben herabkommend, tanzte durchs Leben bis sie im dunklen Untergrund verschwand. Die Idee hat sich mir nicht etwa vor dem Malen mitgeteilt - nein. Ich fing an zu 'zieren' und wusste es nicht anders zu machen, als den Faden einfach weiterzuspinnen. Dazu war kein Planen, also kein Denken nötig - wie herrlich! Wie glücklich ich mich vorfand ... in Gnade der absoluten Wunschfreiheit gehüllt! Die Story vom Lebensfaden tauchte erst nach der Meditation auf und erfreute den Verstand.

Der 23. März hielt das passende Wetter parat und ich ging nach dem Schulvormittag in Unna, die Stadt zu erkunden. Bislang kannte ich nur die Zufahrt von der Autobahn zur abseits liegenden Schule. Unna streckte mir zur Begrüßung ihre schönsten Seiten entgegen. Kaum habe ich einen Parkplatz im Zentrum gefunden, schon stand ich vor einem Museum für moderne Lichtkunst, wo gerade eine Führung beginnen sollte - (Museumsräume sind nur innerhalb einer Führung begehbar.) Die Lichtinstallationen fand ich interessant bis ... - na ja, ich kann mich an die letzteren nicht mehr erinnern. Nach einem ausgedehnten Spaziergang durch die lebendige Altstadt von Unna kehrte ich heim und setzte mich an den Kalender. Das Bild vom 23. März knüpfte bei der Lichtinstallation von Jan van Munster Ich im Dialog an. Der Künstler ließ im tiefen Schacht das Wort ich in verschiedenen Sprachen abwechselnd aufleuchten. Auch die polnische Variante: ja. Vielleicht weil ich mein Ich nicht mehr klar wahrnehmen kann, machte die Aufmerksamkeit bei diesem 'ja' halt. Das Wort für das Wahrnehmungszentrum eines Individuums lautet in der polnischen Sprache identisch, wie das deutsche Wort für den Ausdruck der Akzeptanz. Das Wortspiel fand ich faszinierend und setzte ein sich verneigendes polnisches ICH - oder eben JA - ins Zentrum des Bildes, umgeben von andersprachigen Ausdrücken für die Akzeptanz. (23.03) Mein Kopf tat sich schwer mit der Akzeptanz des Ergebnisses - es wäre eine Wortspielerei und nicht ein Bild - hieß es aus dieser Region.

Am Freitag Abend habe ich mich nach der Rückkehr von der Arbeit erst hingelegt. Es war also recht spät, als ich mit dem Malen begann, so dass ich nach der Beendigung der strahlenden Nacht (24.03.) gleich mit dem Bild für den Samstag weiter machte. Der 25. dehnte sich großzügig in die Zukunft des unbekannten Tages und füllte sich mit hauchleichtem Farbverlauf der Aquarellstifte. Harmonie des zarten Regenbogens als Zeichen für Zuversicht. Und der Tag wurde tatsächlich schön, ausgesprochen schön. Wie oben auf der Seite bereits geschildert, eröffnete ich meine neue Mal- und Wohnsaison im Atelier, denn der Winter hat über Nacht einfach aufgegeben. Ich räumte letzte Winterspuren im Garten weg, hieß den Osterbaum mit bunten Eiern hoch und freute mich, dass mich die Veranda so 'sommerlich' begrüßt - die Heizung brauchte ich bis zum späten Abend nicht einzuschalten. Das Leben sparte nicht an Wundern, um mich zu verwöhnen.

Das Sonntagsbild vom 26. verkündete glockenheftig mein Glück. Dies entspricht auch der Aussage des Traums, der mich mit seinen Bildern in den Tag entließ, wie ich kindlich hüpfend herumrufe: Ich freue mich dermaßen! Ich freue mich! Ich freue mich! Es ist schon seit dem letzten Montag so! Ich weiß nicht warum. Der Traumbeobachter wusste aber, dass der letzte Satz nicht ganz stimmte. Einer der Anlässe will aber noch nicht an die Öffentlichkeit, er nährt erstmal nur mein stilles Glück.

Am Sonntag elektrisiert mich noch die Idee von Textbildern. Aber was für Texte..? Zunächst blättere ich in den Seth-Büchern auf der Suche nach Gedichten seines Mediums, Jane Roberts. Als ich sie vor 10 Jahren lies, war ich hin und futsch - jetzt konnte ich da nicht mehr anknüpfen. Also kam Savitri von Aurobindo auf den Tisch. Vor zwei Jahren habe ich daran gehangen wie Fisch am Haken - zerrissen zwischen Verzückung und gnadenloser Langeweile. Erneute Lektüre eignet sich bekanntlich nicht für Verzückungserfahrungen - die Erinnerung und Erwartung schotten zuverlässig ab - aber ich entschloss mich trotzdem ein Fragment mit in den Kalender zu übernehmen. Eines, das gut zu meiner letzten Depressionsphase passte. Der Text benötigte allerdings recht viel Bildfläche, was ich ihm am nächsten Tag nicht bieten könnte. Und außerdem ... innerhalb der Woche habe ich selten viel Zeit zum Malen. Zum ersten Mal brach ich die Kalenderregel, dass ein Bild das akkurate Tageswerk sein sollte, und schrieb am Sonntag den Text ins Bildfeld, das erst am Dienstag dran kommen konnte.

Der Montagabend (27.03.) lässt derweil ein Rot aufleuchten, das die ganze Umgebung zu beleben scheint. Ohne zu wissen wieso (oder doch ..?), verbinde ich das Bild mit Bejahung, mit Lebendigkeit, mit der Stimmung: 'alles in Butter'.

Und am Dienstag (28.03.) legen die Aquarellstifte einen türkisgrünen Teppich den Worten von Aurobindo unter die Füße. Der Kunstkritiker in mir war nicht gerade begeistert: Eine kopflastige Geschichte. Wenn's zumindest deine Worte wären ... Eine Runde Gedanken, ob ich zu meinen eigenen 'Zitaten' greifen sollte, war die Folge - ohne konkretes Ergebnis.

Die Geschichte zum Bild vom 29. März beginnt - nehmen wir einfach an, dass es so etwas wie Beginn überhaupt gibt - am Vortage. Als ich mittags zur Arbeit fuhr - schön der Sonne entgegen - und dabei die Wellen der Lebensfreude in mir genoss, tanzten lose Gedanken über die Natur des Glücks durch den Kopf. Eine Tänzerin unter ihnen war die Erinnerung an jemandes Story mit der letzten Frage, der dann keine mehr folgen würde. Bislang hörte ich da nur halb hin, aber letzte Frage hat irgendwie die Wahrnehmung auf 'scharf' gedreht. Was wäre denn meine letzte Frage - fragte ich nach innen. Die Antwort kam prompt: WOZU. Es wurde auf einmal muckmäuschenstill im Kopf. Erst nach einer Weile fingen die Gedanken nach der neuen Musik zu tänzeln. Zielgerichtetheit, versuchte Zukunftskontrolle, Misstrauen dem spontanen Lebenslauf gegenüber usw... Statt aber weiter das Konto der unliebsamen Ängste auszuleuchten, schwenkte nun der Tanz in andere Richtung um: Der Verstand bemühte sich, der flüchtigen Erkenntnis eine klare Definition beizusteuern. Mehrere Versuche waren vonnöten und es war schon spannend zu verfolgen, wie sich die neue Idee ein verbales Zuhause baut. Jeder neue Anlauf ließ die verschiedenen Aspekte klarer erscheinen. Am Ende hieß es dann knapp: Verstummt die letzte WOZU-Frage, findest du dich als die immerwährende Antwort vor. Esoterik kompakt. Der anschließende Schulunterricht hat das Wozu-Thema nur aufgeschoben. Es war allerdings nicht klar, wozu ..., was da noch passieren wollte. Am nächsten Tag stellte ich also der Wozu-Frage die Bühne im Kalender zur Verfügung. Frieden im Kopf war die Folge. Das entstandene Bild habe ich auf Anhieb geliebt.

Das Mittwochsbild (30.03.)gehört zu denen, die meinem Kopf gar nichts sagen, also gibt's keine Story dazu. Der Malvorgang war von Gedanken begleitet, dass die Buchstaben vom Vortag sehr schön aussehen, und dass ich ruhig bei der braunen Farbe anknüpfen könnte, wenn mein Kalender nicht zu kitschig ausfallen solle.

In den Freitag hinein kam ich aus dem Traum, in dem ich große goldene Buchstaben (A,B,C,D...?) mit lasierenden Ölfarben überziehe. - Hm... Buchstaben scheinen eine starke Lobby zu haben. Nichst dagegen, aber die Maltechnik ..? Zwischendurch hatte ich wohl schon mehrmals an Gold und Ölfarben gedacht und bedauert, dass ich dem Kalender keine ausgereiften Goldimpressionen beifügen kann. Ich fand aber noch keine Lösung für die Frage der Lagerung während der langen Trocknung und deswegen blieb es bei: ab und zu bedauern. Der Traum wollte aber nicht unbeachtet bleiben ... ein goldenes A glänzte im Kalender auf. (31.03.) Warum A ..? Der Darum's gibt es Tausende, welche Ihnen einfallen, sind richtig ... während Sie das Bild anschauen.

Moment mal ... Und wenn die Buchstaben-Idee eine eigene Bühne wünscht ..? Ohne Alltags-Gedränge? Darüber muss ich wohl noch einmal schlafen ... Wenn nötig auch mehrmals.

Kalender-Ausstellung

 

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