Tatort: Atelier

 

12. Juni 2005

Seit einigen Wochen ist bei mir nicht mehr viel mit Malen. Obwohl keine Umstände im Wege stehen. Nein, die letzten Wochen verbrachte ich komplett an meinem neuen Computer. Wer hätte das gedacht ... ich ein Computerfrick! Na, fast.

Übrigens, als ich vor ca. 6 Jahren eine Horoskopbesprechung bekam - um die ich gar nicht gebeten habe - fand ich da zwar (damals) erschreckend vieles, was zu mir passte, aber bei der Erwähnung, dass wegen meiner Merkurposition die modernen Komunikationstechnologien ein Eldorado für mich darstellen würden, lachte ich schallend und triumphierend: Tja, diese Horoskope ... Ich bekundete zu jener Zeit meine absolute Verachtung dem einfachsten Anrufsbeantworter gegenüber, ein Handy kam absolut nicht in Frage, Internet war geradezu etwas Kriminelles und eine Selbstdarstellung auf einer Webseite galt mir als Geisteskrankheit. E-Mail, Server, Webmaster, Link oder Maus waren Fremdwörter. Jetzt kann mein Computer über mich spotten - ich pflege täglichen E-Mailkontakt mit mehreren Leuten, habe drittes Handy (allerdings immer ausgeschaltet), führe zwei Webseiten (keine kleinen Visitenkarten wohlgemerkt), surfe in Zusammenhang damit durch das Netz und habe ungeheuer viel Spaß dabei. So viel, dass auch die Malerei manchmal zurückstecken muss.

Es ist aber nicht tragisch ... denn ich arbeite so wild für meine e-gallery. Zunächst habe ich den Bilderbestand im Tapeten-Cinema erweitert und bei der Gelegenheit ... das Licht im Kinoraum ausgemacht. Jetzt leuchten die Bilder wirklich wie im Film. Und danach stürzte ich mich in umfangreiche Vorbereitungen für die neue Ausstellung GOLD-IMPRESSIONEN.

Werkbeispiel

Wie Sie auf dem Atelier-Foto sehen, bin ich immer noch »am Tapezieren«. Seit Herbst hatte ich höchstens 2 kleine Leinwände in Arbeit. Die Taptensammlung wächst aber unaufhörlich, und das ist gut so, denn wer eine Ausstellung von Tapetenbild-KATALOGEN beabsichtige, brauche auch einige Hundert davon. Es hat doch wenig Sinn, nur 2 - 3 Bücher in einem Ausstellungsraum auszulegen, oder?

Seit Januar habe ich über 60 Bilder gemalt; die Hälfte davon befasste sich mit Gold. Allzu viel will ich hier zu dem Thema nicht schreiben - Die goldene Story hat ihren Platz in der Ausstellung, und die beginnt ja in wenigen Tagen. In der Werkstatt aber kann ich zeigen, wie weit auseinander und doch nah beieinander die Grundoberfläche und ihr Bild darauf liegen.

Ich benutze grundsätzlich dickbeschichtete Tapete, die ihre eigene Prägung schon hat. Danach trage ich die erste Farbschicht auf und dabei kommen auch neue Strukturelemente hinzu. Als die Serie mit Gold anfing, wollte die metalisch glänzende Acrylfarbe nur glatte Spiegel schaffen, die eine Unterlage für die anschließend aufgetragenen, transparenten Farbschichten bildeten.

Dem Gold verdanken die Bilder das auffällige Lichtspektakel, aber der leisen Struktur der Tapetenoberfläche verdanken sie die meisten Formen, in die sich die Farben begeben konnten. Wenn man das fertige Bild anschaut, merkt man nicht unbedingt, dass es zum großen Teil schon da war, bevor die Farbe es sichtbar machte. Natürlich konnten niemals sämtliche Konturlinien genutzt werden, die eine Tapete zu bieten hatte - so ein Formengedränge würde die Farben sehr einengen. Diese Auslese aus dem Potenzial war die Aufgabe der für das Bild zuständigen Musen und ich muss sagen, die haben echt viel Phantasie. Bedenken Sie, dass ich zuletzt eine bestimmte Tapete bevorzugt habe - das beinhaltet viel gleiches Tapetenmuster ...

Als Werkbeispiel wählte ich eines meiner goldenen Lieblingsbilder: Jakobsleiter.

 

Das Wechselspiel zwischen Roh- und Fertig-Zustand erlaubt Ihnen hier, die Entwicklung dazwischen nachzuvollziehen. Dazu müssen Sie mit der Maus über das Bild gleiten, um die Jakobsleiter zu erblicken.

Der Grundspiegel an sich bot beim ersten Anblick nicht allzuviele 'Hinweise' für eine Projektion (Das sieht aus wie..), die den Maler gleich in eine bestimmte Richtung drängt. Der Formatzuschnitt gab zwar vor, wo das Unten zu sein hatte - was nicht unbedingt ein nach unten tendierendes Motiv zur Folge hat - aber alles andere schwebte noch im Unbekannten.

Meistens fing ich damit an, dem Gold einen angenehmeren Schimmer zu verleihen - die Acrylfarbe ist etwas grünstichig in meinen Augen. Die weiteren Farbschichten suchten sich dann schon 'ihren' Raum zwischen bestimmten Linien und Struktur-Konturen oder konzentrierten sich auf die Hervorhebung der Linien. Nach und nach wuchs die Farbtiefe zwischen den hellen Spiegelflächen und dunklen Farbmotiven. Das Abstrakte untertützte die mentale Stille während des Malens.

Und dann kam der Augenblick, wo ich nicht weiter wusste. Der Kopf sinnierte über die Beliebigkeit des Motivs, welches nicht den irdischen Welten anzugehören schien. An einem sonnigen Samstag legte ich wieder den Tapetenbogen vor mir - schaute die in Vakuum schwebende Bildwelt an ... und malte die Treppe hinauf. Diese Idee hat sich auf Samtpfoten herangeschlichen - ich merkte nicht wann - und sie fühlte sich nun an, als wenn die Treppe schon immer beabsichtigt wäre; ich hätte das nur nicht gemerkt ...

 

Zu guter Letzt können Sie noch einen Blick auf das letzte Gold-Bild werfen. Eins, dass keine Lust mehr hat ... Anfang Juni legte sich das Gold auf den schwarzen Grund und ... schlief einfach ein. Ich glaube fast nicht mehr, dass sich noch eine Muse dessen annehmen wird, aber wer weiß - Musen sind ja so wunderbar unberechenbar ...

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